Grabrede

Ein Herz, das stets geblutet,

S’heilt keine Arzenei.

Verloren war dein Mute,

Dem Leben zu verzeihen.

Betäubtest deine Sinne,

Um ein Wohlbefinden.

Verblasst dein Lebenswille,

Zu schwach zu überwinden.

Schliefst trügerisch lange hinfort,

Im Schlaf, ein gemurmeltes Wort nur…brav

Und sodann fort…

Des Todes leise Schritte

Auf des Schlafes seine folgte.

Auf Leiders stille Bitte.

Licht ihn in Erlösung wogte.

Verstossen

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Der Schnee fällt rieselnd auf den Grund, ein leises, klagendes Rauschen erklingt, das sich monoton in die Stille herabsenkt und die Gräber einsamer Seelen in ein Kleid des Schweigens hüllt. Alles scheint umfangen von der Beklemmung, dem bitteren Empfinden eines schmerzlichen Verlustes, der sich heiss über die Wangen der Trauernden ergiesst. Die Bäume tragen schwer den Schnee, beugen sich zu den Verblichenen, wie zu einem Gebet, doch schlafen sie. Der Frühling wird sie erwecken, behutsam und liebkosend das Grün wiederkehren und die Welt mit Leben erfüllen, die ersten Wasserlilien im Teich des Hofes erblühen. Frohlockende Schönheiten, welche aus der einst eisigen Tiefe empor steigen, neu erstehen. Und den Teich umsäumt das Schilf, sodann sanft wogend in der warmen Brise. Es ist ein Ruf, dem die Toten nicht folgen, der Tod ist unerbittlich.

Die Krähen thronen forschend in den kahlen Kronen der Baumwipfel, die einstmals verschrienen Boten des Todes und folgen dem treiben zweier Menschen, die das Grab ihres Liebsten betrachten.

Tief in der Kehle sitzt der Schmerz, brennend und vorwurfsvoll. Erbebend ringen die Lippen nach Worten.

Sie sind auch unausgesprochen, dem jeweiligen anderen bekannt.

Es eint sie dasselbe, schwere Joch.

Schuld.

Im dichten Schneegestöber fällt der Vater des Toten auf die Knie, schluchzend, zuckend, aber die Welt verschlingt seinen Atem in der Stille. Es ist dem weit entfernten Auge offenbart, was den Menschen bewegt, wenn auch die Szenerie nur durch das Fallen der kleinen Eiskristalle untermauert ist.

Kühl und ohne erbarmen, harrt der Gefährte entfernt neben ihm, ohne sich ein tröstendes Wort abzuringen, ohne Anwandlungen der Vergebung.

Seine Tränen kehren sich gen innen, unsichtbar.

Ekel.

Ekel vor dem eignen Sohne, dem geliebten Sohne, nun tot. Der giftige Ekel, er verdarb die Liebe zum eignen Kind und brachte Abscheu, Entfremdung.

Den Sohn hat er verstossen, verflucht, gebrandmarkt. Auf schändlichste Weise der widernatürlichen Unzucht bezichtigt, dieser heuchlerische Moralapostel und ihn in die Selbsttötung getrieben. So verzweifelt, dergestalt gemartert, vom eignen Vater ins Exil geschickt, auf immer verbannt.

Und der junge Mann neben ihm, dessen Herz noch immer schlägt, für seinen Geliebten, den Einzigen, in ihm schwillt der Hass in der Brust.

Wenn der Ekel die Vaterliebe überwindet, wo ist dann die Vaterliebe geblieben?

Missgebildet, vom Stolz und der Eitelkeit.

Reumütig späht der Vater in das Gesicht des jungen Mannes, weint unaufhörlich, aber der Liebhaber sieht ihn nicht, späht weit in die Vergangenheit.

Man hatte zusammen Reisen unternommen, lange bevor die Abscheu die Familie spaltete. Nach Italien an den Strand, eng umschlungen den Sonnenuntergang verfolgt, die reichhaltige, teilweise belustigende Menschenansammlung an der Promenade beobachtet und sorglos die Liebe erblühen lassen.

Doch die Fügung trübte die frohen Stunden und die Tage des Sohnes verdunkelten sich, unaufhaltsam unter der Entsagung des Vaters. Sie war noch zu frisch, zu kraftlos, als dass die Liebe eine Brücke über die Schlucht geschlagen hätte.

Binnen kurzer Frist, war das lebensfrohe Wesen verändert und der Tod reichte ihm die Hand.

Was ist an der Liebe, wenn sie es nicht vermag zu heilen, das klaffende Brandloch, welches tief in der Seele brennt? Ist es dem Liebenden anzulasten, nicht genug, inniglich geliebt zu haben, wenn die Tragweite der Wunde nicht erkannt wird?

Nur der Liebende vermag dies zu beurteilen. Allein er lastet sich die Bürde der Schuld auf, wie der Geliebte, der am Grabe steht und leidet.

Irrtümer derartigen Ausmasses, sie strafen am entsetzlichsten, das fühlt der verwitwete Vater, der Frau und nun auch Kind verloren.

Er erleidet das Leben und der Geliebte liebt noch immer den Verblichenen.

Ein Nonsensgedicht

Einstweilen briet ein greiser Mann, Manch rohes Ei, in seiner Pfann.

Schon viele Wochen, lange Zeit,

der bärt’ge Eier zuhauf geteilt.

Geblieben übrig ihre Schal, erfreut’s Getier dies köstlich Mal.

Hatte sie gar fein zerstoben und unters Futter dann gerieben,

s’war gar kein Korn übrig geblieben.

Es harrte der Mensch mit Rührwerk in der Klau und Schüsseln eigelb gefüllt,

am Platze dort, wo zu später Abendszeit, die Welt mit Kuchenduft erfüllt.

Und wenn der Hunger, seiner Grösse endlich getilgt,

Vom End der Geschicht, die Nachtigall singt.

Biographie

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Mein Name ist Adrian ich bin  25 Jahre alt und schreibe seit meinem 12 Lebensjahr Geschichten, Gedichte und derlei mehr. Mein Bestreben ist es, das Schreiben zu meinem Beruf zu machen. 
Somit fungiert WordPress als die für mich geeignete Experimentierbühne, als die Plattform meines kreativen Schaffens. Noch umso höher ist mein Wunsch, der alten Hochdeutschen Sprache, den verlorenen Glanz ihrer nuancenreichen Ausdrucksmöglichkeiten wieder zu geben. 
Kommentiert, kritisiert und gerne auch; favorisiert die hier folgenden Inhalte.

Bis bald!

Konfrontation mit der gegenwärtigen, deutschen Sprache…

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Hallo lieber Leser

Ich stosse immer wieder auf Personen, die ihre Skepsis gegenüber meinen verfassten Geschichten äussern. Da lese ich zum Beispiel; „Bist du nicht etwas zu jung, um wie ein alter Mann zu schreiben?,“ oder „Wer soll denn derartiges noch lesen, die heutige Jugend ist mit solch reichhaltigen, komplexen Textstrukturen überfordert.“ Weiterlesen

Zumstegs Wandel

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Als der pensionierte Germanistikdozent Werner Zumsteg sich am 19. August, welcher gleichzeitig sein Geburts – und geplanter – Todestag werden sollte , durchfluteten die Strassen in der Gemeinde, in welcher er wohnhaft war, Menschen, die ihre widerliche, epidemische Lebensfreude mit allerlei feuerwekstechnischem Krawall und lärmender Musik zu verbreiten suchten. Das ärgerte den alt eingesessenen Dorfeinwohner in seinem vertrockneten Herzen. Weiterlesen

„Weil der Tod ihr Bruder war“

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Veröffentlicht unter dem Pseudonym

Reinhard Hain Irisch

Weil der Tod ihr Bruder war…

Vorwort

 

Die Suche nach spannenden, gewandt geschriebenen Geschichten, ist seit Menschengedenken ein schwieriges Unterfangen, welches noch durch moralische Auslese der Gelehrten ins Unermessliche gesteigert wird.

Kaum eine Mehrheit ist zu begeistern für die Tragödien der älteren Zeit, wenn sie in einer Sprache verfasst sind, die der Durchschnittsbürger nicht mehr mit seinem Sprachverständnis erfassen kann.

So war denn auch mir das Verständnis der hier verfassten Historie zu Beginn meiner Recherchen erschwert und erst kontinuierlich zugänglicher geworden, sowie ich mich ihr mehr und mehr hingab.

Gewühlt hatte ich in meiner Ahnenforschung in den Annalen eines alten Geschlechts, mit dem ich selbst auf verzweigten Pfaden verwandt bin. Dort war ich durch Zufall auf eine längst vergessen geglaubte, vergangene Leidensgeschichte aufmerksam geworden und konnte sodann hier die Dokumente zusammentragen, welche ein komplexes, historisches Bildnis ergaben. Ich würde meinen, dies hier ist wohl eine der wichtigsten Geschichten überhaupt, weil sie die Grenzen des Diesseitigen und des Jenseitigen endgültig auflöst, von dem wir bisweilen noch immer so wenig in Erfahrung bringen können. Den Zweiflern neige ich mich mit den Worten zu; Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte dieses prosaischen Werkes.

Dies noch zum Schluss. Ich behaupte; die originellsten, aussergewöhnlichsten Erzählungen sind nicht die erdachten, sondern jene, die ein Mensch am eignen Leib erfahren. Denn nur im Leben häufen sich die Zufälle, wie sie in keiner Fantasie so prachtvoll und zerstörerisch zu ersinnen sind.

Mit dem einführenden Brief einer alten Frau, beginnt diese eigenartige Erzählung.

Damit überlasse ich dem kritischen Leser die festgehaltenen Ereignisse. Mögen sie seinen Horizont erweitern.

Reinhard H. Irisch, 11. Dezember 2007

 

Ihr Lieben

 

Meine Tage auf dieser Welt schwinden dahin.

Sie sind beschwerlich geworden; mein Körper  zerfällt und mit dem Zerfall verliert sich die Kraft in meinen Gliedern.

Das Alter zwingt  mich in die Knie, nicht aber in tiefe Betrübnis, sodass es mir nicht vergönnt ist, zu Lächeln, selbst wenn der Tod auf der Schwele zu meinem Haus ruht und ein baldiges Ende prophezeit.

Wenn dies meine letzten vernommenen Worte sein sollen, wisst ihr, dass ich glücklich und unbeschwert meinem Lebensabend entgegen trat.

Ich vermochte euch nicht ausführlich genug zu schildern, wie ich dieses Leben genossen habe. Wie mich das goldenrote Licht der Morgendämmerung beseelte, wenn mich meine Beine zu der alten Feuerstelle am Waldrand noch ab und an zu tragen vermochten.

Und wie die Düfte der Frühlingsblumen mich wie ein kleines, unbeschwertes Mädchen fühlen liessen, alljährlich bei ihrem Erblühen.

Erinnert ihr euch, wie ich vor langer Zeit an warmen Tagen im Frühling und darauf im Sommer, wenn ihr mich besuchtet, dort meine fesselndsten Geschichten  vortrug?

Oftmals waren dies wunderschöne Märchen.

Nichts erfreute mein Herz mehr, eure Kinderaugen vor Verzückung funkeln zu sehen und euren Bitten nachzugeben, fort zu fahren, wenn ich erzählen durfte.

 

Aber im Leben ist am Ende nichts so makellos, wunderschön und friedlich wie in selben…Nicht selten müssen wir uns an den Weggabelungen unseres Seins neuen Hürden stellen und gewisse Dinge hinter uns  lassen, von welchen wir uns nur schwer lösen  können.

 

Eines soll euch ans Herz gelegt sein;

Vergesst nie, dem Leben mit einem Lächeln zu begegnen, denn wer sich kein Lächeln abringen kann, dem werden die düsteren Stunden umso schwerer auf der Seele lasten.

 

Es ist mir ein Anliegen, euch eine wahre Geschichte zu erzählen, eine letzte.

Ich werde euch in den  beigelegten Seiten  verraten, weshalb ich lebte.

Um den hier angeführten Schilderungen zu folgen, bedarf es zunächst einigen Ausführungen, welche ihren Schatten in eine noch nicht allzu ferne Vergangenheit werfen und erklären mögen, wie die vorliegende Geschichte ihren Anfang nehmen konnte. Denn ohne diesen wichtigen Vorläufer der zentralen Ereignisse, liesse sich nichts erzählen, was es wert wäre, angehört zu werden.

Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, weiszumachen und von womöglich haarsträubenden und kaum glaubwürdigen Vorgängen zu berichten, um euren Glauben an das Transzendente zu stärken.

Zu guter letzt ist jeder sich seiner eigenen Meinung überlassen und mag urteilen, wie es ihm beliebt.

Die vorherrschende Rolle in dieser exemplarischen Historie, welche hier vorliegt, nimmt die mit Rätseln umschlungene Gestalt des Todes ein, formlos und unantastbar, wie sie ist.

 

 

 

 

 

 

Wie alles Begann…

 

Alte, vor allen Dingen pittoreske Anwesen, fallen im Laufe der Jahre sowohl betrüblichen wie auch erfreulichen Berichten anheim, doch zumeist sind es die betrüblichen, die sich eines langen Fortbestehens erfreuen, mit den Überlieferungen mehr und mehr der Wahrheit entmächtigt und in ihrer Darstellung zuweilen völlig verzerrt werden.

Dem beinahe zweihundert Jahre alten Hause der Brandts, welchem sein bauliches Äußeres, – ein Zeugnis der romantischen Epoche -, bis in die Gegenwart erhalten geblieben war, haftete eine flamboyante, farbenprächtige Historie an. So war diese, getüncht von grellen wie auch dunkleren, unreineren Farbtönen, sodass – könnten Mauern und Gebälk lauschen und Erlauschtes wiedergeben -, sich hier eines der wohl eindrucksvollsten, prächtigsten Gemälde vor unserem geistigen Antlitz manifestieren würde.

Es ist nicht verwunderlich, das bereits bei der Erwähnung desselben Bauwerks, sich die hier folgenden Handlungsstränge zu kreuzen beginnen, wo sie ein vordergründig nicht zusammen hängendes Ereignis verbindet, dessen Auswirkung zum Ende meiner Ausführungen zu Tage tritt.

Hatte das Anwesen in seinen jüngeren Jahren wenig entfernt von der dichten Stadtkonzentration gelegen und große Flächen Landgut behütet, so sah man es im Laufe der Jahre durch den rasanten Zuwachs der Stadt, einer stetigen angrenzenden Umbauung ausgeliefert und nun fand es sich, zurzeit des ersten nennenswerten Ereignisses, eingepfercht zwischen dem Anwesen einer herzöglichen Familie und einer Advokatur.

Obzwar ich mit außerordentlich viel Mühe dieser Vorgeschichte habhaft wurde, – zumal in Vergessenheit geraten und weswegen hierauf bezogen, Aufzeichnungen derselben sich als rare Güter erwiesen -, ist es mir hier nun möglich, anhand der noch vorhandenen Dokumente, den Werdegang des essentiellen Wesens unserer Geschichte zu rekonstruieren.

Nicht zuletzt nahmen die ausführlichsten Kolorationen dieses geschichtlichen Ausläufers, die Beschreibungen weniger Zeitzeugen ein. Darunter, als bedeutendsten zu erwähnen, ein Herr Dieter Hermann Brandt, dem sein Auftritt hier etwas später gewährt wird.

Unsere, für heutige Verhältnisse damals noch kleine Stadt, erlebte kurz vor dem Millennium im Jahre 1793, eine erschreckende Tragödie ohnegleichen und wie so üblich in der Gemeinschaft kleingeistiger Bürger, die sich voreingenommener Urteile nicht schämen, war denn entgegen einer mangelnden Beweislast, rasch ein Schuldiger gefunden, der das Joch der Unterdrückung zu tragen hatte.

Die offene Schuldfrage bereitete den wenigsten arge Gewissbisse, aber doch jenen, welche mit dem armseligen Geschöpf der Anklage in steter à vision gestanden hatten und über deren Tat sie nicht gewiss, im Zweifeln begriffen waren.

Die Anklage warf vor, dass eben jene Person sich durch eine Todesvorhersage über einen ihrer Kunden, des Mordes schuldig gemacht habe.

Herrn B.’s Leichnam, – des Namens müssen wir uns entbehren, zumal er nirgends erwähnt wird -, war zwei Tage auf den Besuch bei der mutmaßlichen Schuldigen, aufgedunsen im nahe liegenden Waldbach von einer betagten Dame während ihres Spazierganges aufgefunden worden; das Gesicht durch dreizehn Messerzüge bis zur Unkenntlichkeit entstellt und nur durch ein charakteristisches Brandmal am Oberarm wieder zu erkennen.

Die Beschuldigte, mit Namen Dorothea Treulich, – Nomen est omen, könnte man meinen -, war ihres Zeichens ein Mensch mit dem dritten Gesicht, der Gabe, mit Verstorbenen in à vision zu treten. Dieser Begriff, geprägt von derselbigen, bezeichnete die jeweiligen Sitzungen mit einem Lebenden und einem Verstorbenen, zwischen welchen die Dame Treulich als ein Sprachrohr fungierte. Neben dieser Gabe, war es der Dame zuweilen gegeben, die kommenden Ereignisse in Form von Vorausahnungen zu weissagen und dem Klienten die unmittelbare Zukunft zu offenbaren.

Eben diese Gabe nun, sollte Frau Treulich zum Verhängnis werden. Denn die Weissagung über das baldige Ableben eines Menschen, war Indiz für die ungläubigen Zweifler der Stadt, sie einer Mordtat zu bezichtigen.

Doch Dorothea Gutlieb Treulich roch wie ein Spürhund die Gefahr und floh, bevor der Tod ihr Leben fordern konnte, weg aus der Stadt in ein anderes Dorf unter anderem Namen. Sie hatte ihr eigenes Ableben schon vor dem geistigen Auge gesehen und war vor ihrem Schicksal gewarnt.

Doch nach drei Jahren der Flucht, scheuchte der Tod die still vermeinte Geschichte wieder auf und die Dame war eines Abends tot von ihrem Gatten aufgefunden worden, starr auf die Decke starrend in ihrem Lehnstuhl vor dem Kamin.

Eines ist hier weislich klar; Der Tod ist unerbittlich in der Einhaltung seines Planes.

Und dies konnte der Ehemann, Dieter Brandt nicht verhindern, der nun zwei halbweise Söhne aufzuziehen hatte.

 

 

– Vom Freund verlassen –

 

Wenigen Angehörigen der Verwandschaft, wog Hermes Brandts Verscheiden schwer auf dem Gemüt.

Aber immerhin erheblich, einem kleinen, zwölfjährigen Jungen, der an Ihm seinen wohl engsten Verbündeten verloren hatte.

Man wusste nicht mit Gewissheit um den Grund seiner lange anhaltenden Betrübnis,

die Eltern jedoch, wurden auf sein verändertes Wesen immer aufmerksamer, wie weiter Grossvaters Todestag zurück lag.

Doch sein Kummer wollte nicht vergehen, schien sich gar noch zu mehren mit jedem darauf folgenden Tag.

Entgegen seines quicklebendigen und gewinnenden Naturells, war unter den Angehörigen denn schliesslich von einer Introvertiertheit die Rede, die sich seiner auf lange Dauer bemächtigt zu haben schien. Ungeachtet dessen konnte Samuel Brandt unter all seinen Bekannten nicht als Mauerblümchen gelten, was wiederum die Verwunderung über sein Verhalten erhöhen musste. Er war gross und robust für sein Alter, besass eine ungebändigt, lockige Haarpracht von einem tiefschwarzen Schimmer und überdies ein loses Mundwerk, welches ihm zuweilen manchen Ärger einbrachte, dem er aber zugunsten seines ausserordentlichen Charmes und seiner Zuvorkommendheit oft entgehen konnte.

Also war dieses Gebaren insofern überraschend, da Niemand sonst in der Verwandtschaft eine derartige Gemütsregung zeigte. Sicherlich; die an Hermes Grabe versammelten Nächsten, hatten am Tage seiner Beerdigung getrauert und einige Tage noch darauf, aber Niemand war dergestalt lange von diesem Verlust gebeutelt gewesen, wie eben dieser Junge.

Eines muss ich hier anmerken;

Obwohl Hermes als Menschenkenner gegolten hatte, er war kein Menschenfreund gewesen und deswegen – wenngleich allseits als ein Mann von Welt geachtet – , von wenigen Nahverwandten wirklich inniglich geliebt worden.

Einzig den Vater Samuels, hatte Hermes Tod beinahe so schwer zu treffen.

Nur die stets vor Lebensfreude strotzende Klara, – Samuels fünfjährige Schwester – , vermochte nicht die Verhaltensgründe der Erwachsenen und ihres Bruders zu begreifen. Sie war ein junges, unbesonnenes, lebensfrohes Geschöpf, wie es alle Kinder sein sollten, in diesem Alter und hatte den Grossvater nie kennen gelernt.

Der siebenundachtzigjährige Hermes Brandt hatte sich für achtzehn Enkelkinder einen Grossvater nennen dürfen, aber für keines hatte er gleichsam viel Zeit und Aufmerksamkeit wie für Samuel aufgewendet.

Er hatte die Gegenwart seines klugen Schützlings genossen, dem er einige seiner Weisheiten anvertrauen konnte, denn der Bursche verfügte über die hervorragende Gabe, das erzählte eilig und scharfsinnig wiederzugeben.

Und geradezu vergöttert hatte dieser freche Lausbub ihn. Gehangen an seinen weisen Lippen und an den erfahrungsgetränkten Geschichten und Abenteuern, die Hermes Zeitlebens am eigenen Leib erfahren hatte.

Der Grossvater, welcher dereinst an der hiesigen Privatschule, die Samuel besuchte, Deutsch und Geschichte unterrichtet hatte, vermochte viel über das Leben zu berichten.

Hermes war für Samuel ein Mann von Vorbild und Standhaftigkeit gewesen, zugleich aber auch ein Schlitzohr, ein schlauer Luchs, mit scharfem Sinn und Verstand und es vereinte sie vieles; So zum Beispiel der Drang, die Dinge zu hinterfragen und unsinnige Begebenheiten im Leben aufs Korn zu  nehmen.

Zudem verband sie die Hingabe zur Literatur. Aber was hier von zentraler Bedeutung ist; Hermes hatte als Vaterersatz eine wichtige Rolle in Samuels Leben eingenommen, denn der Vater Robert Brandt, war wegen seinen Berichterstattungen oft im Ausland tätig ( er war Auslandskorrespondent einer grossen Tageszeitung ) und konnte folglich wenig Zeit mit seiner Familie verbringen.

Hermes hatte Samuel einige Geschichten seiner begehrtesten Schriftsteller zu Gemüte geführt.

Und wenngleich Samuel hie und da seine liebe Mühen hatte, die komplexen Erzählungen allein wegen ihrer altväterischen Sprache zu begreifen, lernte er doch sehr rasch und konnte bald schon, zum Erstaunen der Lehrerschaft, als einer der begabtesten und belesensten Schüler im deutschen Unterricht gelten.

Erstaunlich waren seine schulischen Leistungen, aufgrund seines sonst ungebührlichen und frechen Gebarens, welches er im Unterricht und im Schulhof zuweilen an den Tag legte.

Noch vor  einem halben Jahr waren er und einige seiner Schulkumpanen zum wiederholten Male wegen ihren bedenklichen Umtriebe im Schulhof zum Rektor beordert worden.

Dieser hatte sie seiner Ansicht nach allzu wenig für ihre Untaten gerügt und so gut wie nie zur Rechenschaft gezogen.

Eine saftige Tracht Prügel würde den Bengeln nur allzu gut tun, wie er gerne predigte und diese verteidigend vertretene Ansicht wurde unter den wenigen Herrschaften im Kollegium stets eifrig nickend geteilt.

„Schande“, raunte man unter sich, „dass sich die Zeiten gewandelt haben.“

In den rebellischen Burschen selbst keimte derweil trotzig die Hoffnung auf, dass ihm die Luft eines schönen Tages abhanden käme.

„Prediger sollte er werden, dieser hackennasige Tattergreis“, schimpften sie in der Runde.

Er hatte sie auch damals rotwangig angekeift, sowie er eines schönen Tages ärgerlich einiger, in den Gängen der Schule und auf den umliegenden Strassenlaternen befestigter, karikativer Plakate gewahr wurde, die ihn und Frau Betschart ( dies war die leitende Haushälterin und Putzfrau in der Privatschule ) in einer höchst anzüglichen, man muss doch aber sagen sehr gekonnt gezeichneten Pose darstellten, die auf eine längst vermutete Liaison der Beiden verwies.

Die wohl beleibte Frau, welche einen Pantoffel in der rechten Hand hielt und deren Schürze auf dem Bild in einer stark unterdimensionierten Grösse lediglich ihre Blösse bedeckte, hielt sich leicht zurückgelehnt, wie zum Tanz, in den Armen eines geifernden, begierig in ihr tiefes Dekolletee dreinblickenden, schlaksigen Rektors. Die Gegensätzlichkeit der zwei war übertrieben hervorgehoben.

Zur linken Seite, über ihrem Haupte, konnte man ihre  Liebesbekundung lesen.

 

„Nehmen wir diesen Schuh als Symbol unserer Liebe, als Ausdruck meiner Leidenschaft zur Reinlichkeit und als deine Hingabe zur Ordnung.“

Diese Worte stammten aus Samuels Feder.

Der Rektor war wegen dieser Frechheit über alle Massen erbost. Gleichwohl erntete dieser Streich unter den Schülern unvoreingenommenes Gelächter und man sprach noch einige Zeit über diesen und das von neuem angefachte Gerücht über ihre angebliche Liebschaft.

„Solch ein Unverschämtheit fordert die Höchststrafe!“,  wie der Rektor mit, auf den Pulttisch niederschmetternder Faust, verlauten lassen hatte.

Wie vielleicht schon aufgefallen; die kaum übersehbare Anspielung auf seine gestrenge Haltung, was Regeln anbelangte, hatte einen höchst amüsanten Gegenstand ins Auge gefasst. Den Hausschuh.

An der hiesigen Privatschule genossen die älteren Erziehungsgrundsätze die unangezweifelte Vorherrschaft und sowohl die Schüler, als auch die Lehrer waren verpflichtet, sich an die strikten Weisen der Hausordnung zu halten, in der einst vermerkt worden war, dass sich ein Jeder einzig mit Hausschuhen innerhalb der Klassenzimmer und der Gänge fortzubewegen hatte.

Selbst bei erstmaligem Regelverstoss, wurden die Vergesslichen unter den Ermahnten aufs schärfste bestraft und selbst die Lehrer hatten zu befürchten, zusätzlich einen Stapel Schriftverkehr bewältigen zu müssen, wenn der stets wachsame Rektor, oder die redselige Frau Betschart, von einem Vergehen Wind bekamen.

Vermehrt hatte Trödel, – denn so hiess der oberste Schulrepräsentant -, mit noch verheerenderen Sanktionen gedroht ( Eine Steigerungsform war hier im weitesten Sinne ausgeschlossen ), sollten sie nicht mit sofortiger Wirkung ihre Bubenstreiche unterlassen.

Doch Erich Trödel war ein Mann der Worte und tat sich an der Umsetzung in die Praxis schwer. Gerade weil der auf dem Plakat parodierte wusste, dass an den Anspielungen einer Liaison wahres anhaftete.

So würde es, wie zu erwarten bei den Drohungen, bis zu Samuels tragischer Wandlung bleiben.

(Bei aller Achtung gegenüber dieser Person, erlaube ich mir zu bemerken, dass Trödels Handlungen, seinem Namen in nichts näher standen.)

Jene Ereignisse reichten weit in der Vergangenheit zurück und fanden keine Wiederholung mehr; zum Leidwesen von Samuels,  immer noch albernden Konsorten.

Ohne die fachmännische Führung des Jungen blieb der Rest des auf fünf Köpfe dezimierten Streichetruppes beinahe untätig.

Einer oder zwei der Tunichtgute wagten einen kläglichen Versuch, ihre Opfer aufs Korn zu nehmen, allerdings zumeist erfolglos und binnen weniger Wochen hatten sie ihr Amüsement niedergeschlagen aufgegeben.

 

 

– Die Uhr –

 

Verschlossen und erschreckend still, verharrte der Junge seit jener Begebenheit, – welche vor exakt einem halbem Jahr das sonnige Wetter für die Betroffenen in graue Melancholie gestürzt hatte- , artig, wie noch nie Zeitlebens an seinem Schulbank und verschwieg sich allen; äusserte sich nur sehr selten.

Und wenn er Gebrauch von seiner Stimme machte, vernahm ein Jeder nur ein halblautes, undeutliches Wispern.

So beobachtete auch seine Lehrerin, Marie Nordling immer öfter – und allmählich besorgt über sein freudloses Antlitz, in dem einst der unbändige Schalk gesprüht hatte – , sein stetig, sich verschlimmerndes und verfinsterndes Seelenleid.

Zwar war sie gewillt, mit den Eltern mehrere Male ein Gespräch zu suchen, doch wie sie alsbald feststellte, schienen sämtliche Anstrengungen zugunsten Samuels umsonst zu sein.

Vermehrt hatte sie äusserst bedacht, – um nicht taktlos zu erscheinen – ,  auf die verschiedenen Möglichkeiten für eine, sich auf ihn positiv auswirkende Behandlung ( wie sie formulierte ) , gegen dessen offensichtliche Leiden hingewiesen.

Samuel solle doch wöchentlich ein einstündiges Gespräch mit einem Herrn Govacek suchen.

Einem diplomierten Psychologen, welcher sich ferner, – wie der Zufall es wollte – ,mit einer Studie befasst habe, in der die Angehörigen von verstorbenen Menschen ihrer komplexen und geistigen Belastungen eingiebig untersucht worden seien. Die daraus gewonnen Erkenntnisse, könnten sich von grossem Nutzen erweisen. Deshalb sei gerade jener Herr für den Jungen eine enorme Stütze, auf dem Weg zur Besserung.

Wie sich dass in den Ohren seiner Eltern wohl anhören musste!

„Unser Bub ist doch nicht geisteskrank!“, wie die Eltern sich empörten.

Er durchlebt lediglich eine Phase der Schmerzüberwindung, die für einen jungen Menschen seines alters schwer zu bewältigen ist!“

„Es wäre nicht zu seinem Schaden,“ meinte Marie Nordling, indessen sie Brandts ablehnende Haltung schlicht überging.

„Man soll alles daran setzen, um die seelische Last von diesem Kind zu nehmen, oder wenigstens versuchen, diese zu mindern.

Dieser Dienst ist, – um es darüber hinaus zu erwähnen -, vollumfänglich von der Schulbehörde entgolten, würde er in Anspruch genommen werden!“

Der vordergründig, vorbildliche Gedanke von Frau Nordling, stiess jedoch irritierender Weise nicht auf Gefallen.

Ihre erneute, deutliche Absage, war einem dicken Brief anzulasten, der die Eltern Brandt in keinster Weise dazu bewegte, ihre Meinung zu ändern, als sie ihn an einem verschneiten Mittwoch erhielten.

In Brandts wohl überlegten, mehr als kurz gehaltenen Brief zu diesem offensichtlich akuten Anliegen des Schulorgans, am Ende des Dezember, – infolge eines in hochgestochenem Fachjargon verfassten Schreibens des diplomierten Psychologen Orlof Govacek und der Privatschule -, verkündeten die Eltern in einem zweiten Anlauf knapp;

Sehr geehrte Damen und Herren

Es ist uns nicht entgangen, dass Samuels Wesen zurzeit eine erhebliche Veränderung erfährt,

nichts desto trotz sehen wir keinen Anlass, derartige Massnahmen zu ergreifen.

Diagnosen ohne festen Boden, erachten wir als unangebracht und auch unzweckmässig, um hier ein Problem zu lösen, dass Ihres nicht ist.

 

Wir finden keine triftige Begründung, wieso diese Angelegenheit in Ihren Zuständigkeitsbereich fallen sollte.

 

Mit den besten Empfehlungen

 

Die Familie Brandt

 

Der psychologische Befund, war dem Umschlag der Schulpflege sauber gefaltet beigefügt worden, der offenkundig dazu diente, die kurz gehaltene Meinung der Besorgten zu untermauern ( als sei dies die belangloseste Beilage, welche die Botschaft des Schulorgans „unabsichtlich“ versüsste ).

Manche unter den gut bezahlten, Seelsorgenden Damen und Herren im Kollegium, die noch ein halbes Jahr zuvor vermochten, über das schwarze Schaf, Samuel Brandt herzuziehen und ihm mangelnden Respekt vor Lehrpersonen im geselligen Lehrerkreise nachredeten, vermochten sich ebenso über die ablehnende Natur des Briefes zu verwundern, in dem sich die Eltern überhaupt nicht die Mühe gemacht hatten, ihre Entscheidung zu legitimieren.

Man reagierte zu beiden Seiten sichtlich verstimmt.

Zum einen die Eltern, welche das Schreiben als einen geschmacklosen, aufdringlichen Wisch besonders ungehobelter Praktik empfunden hatten und den sie zu beantworten, sich kurz vor Weihnachten genötigt sahen, – zum anderen die in ihre Vorstellungen vernagelten Herren und Damen der Schulpflege, welche sich überrascht gaben und vor den Kopf gestossen fühlten, dass ein soziales Entgegenkommen solch hohen humanen, wie auch finanziellen Wertes abgelehnt wurde.

„ …Sofern man sich denn auf die Schilderung der oben genannten Primarschullehrerin von Samuel Brandt und stellvertretende Schulsekretärin der Schule H. in B., Marie Nordling, verlassen kann, fällt meine Diagnose wie folgt aus…“, wie Govacek klugerweise in seinem Schreiben vermerkte.

Eben jene in dem besagten, dicken Briefcouvert beigefügten, scheinbar  „aussagekräftigen“ und anerkannten, psychologischen Analysen, beschrieben den Jungen Samuel, als einen besorgniserregend schwermütigen Burschen.

Eine lächerliche Farce in der Eltern Augen.

Wie konnten Brandts also, die oftmals gar  bestürzende, ja apathische Haltung Samuels nicht in ihrer Dramatik begreifen?

Man hatte ihnen doch durch diese hochvertrauenswürdige, – zudem von einem ranghohen Professor für Psychologie abgesegnete -, Psychoanalyse, zukommen lassen, – man hatte die unleugbaren Fakten auf den Tisch gelegt.

Doch Obacht!; Die Eltern begriffen sehr wohl.

Herr und Frau Brandt erachteten es als angebrachter, ihrem Sohn den nötigen Halt Zuhause zu gewähren und mit aller Geduld und Anteilnahme den Schmerz und seine Ängste zu mindern.

Das Jedenfalls, hatten sie auch Marie Nordling höflich aber standhaft deutlich gemacht.

Insgeheim, – dass nun ist der eigentliche Grund -, mochte ihnen der Gedanke überhaupt nicht gefallen, den Sohn als Studienobjekt in die Hände irgend eines, scheinbar hochlöblichen Wissenschaftlers zu geben.

Manch einer würfe hier sicher ein; „Diese Haltung ist doch nachvollziehbar!“

Marie Nordling aber, – und nicht alleine sie – , vermochte darüber nur den Kopf zu schütteln, denn sie glaubte zu wissen, dass  Anteilnahme allein Samuels Gemüt zu erhellen nicht fähig war.

Man mag sich nun wohl darüber erstaunen, weshalb sich jener Junge so betrübt gab.

Mit der Zeit vergehen doch alle Übel.

Nach dem Altüberlieferten Sprichwort etwa;

„Die Zeit heilt alle Wunden.“

Aber nein.

Dieser Junge war eine besorgniserregende Ausnahme.

Es sei hier kurz erläutert, welche genaue Ursache für sein Gebaren Schuld zu tragen hatte;

Wie würde es Unsereins wohl verwinden, wenn er erleben würde, wie ein geliebter Zeitgenosse, ein stets im Leben anwesender Mensch vor seinen Augen dahinsiechte?

Seit geraumer zeit wusste Samuel Brandt um den Tod und den Grund seines Besuches.

Schuld zu tragen hatte für seine Verschlossenheit, ein traumatisches Erlebnis;

Das Beisein von Hermes Brandts leisen Versterben, welches er herzzerreissende Sekunden neben seinem Krankenbett ertragen musste. Grossvater Hermes verstarb beinahe geräuschlos an einem Märzdienstag.

Er war noch im Schlummer einer tödlichen, inneren Blutung erlegen.

Einem Riss in der Leber,  welcher ihm durch einen zunächst belanglos befundenen Sturz zugefügt worden war, als sich ihm an jenem besagten Dienstagmorgen in einer zu raschen Bewegung Schwärze auf die Augen gelegt hatte und er darob ohnmächtig zusammen gebrochen war.

Nichts hatte bei den somatischen Untersuchungen auf einen lebensbedrohlichen, inneren Schaden hingewiesen.

Selbst er hatte die Luft angehalten und war geschockt gewesen, als sein liebster Grossvater einfach aufhörte zu leben.

Er war nicht in der Lage gewesen, um Hilfe zu schreien, oder den Sterbenden zu retten.

Setzt das Herz eines Menschen für immer aus, nimmt dessen Leben ein Ende, – dies wusste er selbstverständlich .

Dann holt sich der Tod dessen Seele und hinterlässt sein erdengebundenes Gefäss.

Den fleischlichen Leib, welcher im Laufe kurzer Zeit zu vermodern beginnt.

In den Mägen von Geschmeiss und anderer Kriechtieren würde die Hülle entschwinden, bis zu guter Letzt allenfalls noch die Knochen von der einstigen Existenz eines Menschen zeugen.

Eine für ihn abscheuliche, groteske Vorstellung, derer sich der Junge nicht erwehren konnte.

Stets dachte Samuel an seinen einzigen wahren Gleichgesinnten und mahlte sich in allen Farben aus, wie es wohl gewesen wäre, hätte Hermes noch einige Jahre mehr das Leben geniessen dürfen.

Und er sinnierte über längst vergangene Tage, von denen ihm sein Grossvater berichtet hatte.

Erinnerte sich an all die Dummheiten, die auch er in der Schulzeit angestellt hatte und stellte sich vor, gemeinsam die wohl ausgeklügelste Hinterlist mit Grossvater zu planen.

Sein Tod schmerzte umso mehr, wenn er sich ins Gedächtnis rief, dass dies nie geschehen würde.

So vergingen die Tage langsam und wurden mit jeder Stunde, mit jeder Erinnerung bitterer.

Samuel ermattete innerlich; er fühlte sich, als währe in ihm alles grau, trübe und stumpf geworden.

Hohl.

Doch schon bald begann sich diese Leere mit etwas Neuem zu füllen; es war die Angst vor dem Tod.

Dieser schwarzen Gestalt, die im Schatten der Ungewissheit auf ihn lauerte, sich mit jeder Minute näherte… Seit jenem Erlebnis fürchtete sich das Kind vor dem Tod und weil dieser sich ihm mit jeder verstreichenden Minute wie ein arges Omen näherte, gab es allen Grund auch die Zeit zu fürchten.

Samuel Brandt erkannte, dass sein stets unerwartetes Eintreten zum Leben gehörte und auch sein Lebensende schon am nächsten Morgen vor der Tür stehen konnte, infolge eines Unfalles, oder einer unentdeckten, plötzlich ausbrechenden Krankheit.

Er verbrachte den Schultag wie nun jeden Tag unauffällig und bangte von innerlicher Ungeduld geplagt auf sein rasches Ende, wobei er gar jede Minute verstohlen die Uhr über der Schultafel anvisierte.

Er wusste nicht wie ihm geschah, als er plötzlich vor der Wohnungstür stand.

In seinem vertieften Träumen war ihm schlicht entgangen, welchen Weg er von der Schule bis nach Hause zurückgelegt hatte.

Erst als auf das öffnen, der Wohnungstür Zuhause , das Geschrei seiner kleinen Schwester und die begrüssenden Stimmen seiner Mutter und den Grosseltern folgten, fiel jene erwähnte Last urplötzlich von ihm ab.

Er rannte in sein kleines, von Uhren verstelltes Zimmer, wo er seinen Schulranzen unsanft auf das Bett warf und hastete von Glückseeligkeit erfüllt in die Gute Stube.

Warum beim besten willen denn Uhren, mögt ihr wohl fragen.

Ein seltsamer, ironischer Zufall war es, dass Samuel eine Leidenschaft für Zeitmessinstrumente entwickelt hatte, wo doch die Zeit ihn nun, nach Grossvaters Tod so sehr beschäftigte. Seltsamerweise erlosch für ihn die Faszination dieser feinmechanischen Wunder nicht, welche einem verraten, wie spät oder früh es ist.

Samuel hatte die Uhren in all den Jahren gesammelt

Manche hatte er für Nachbarn und Bekannte repariert.

Andere wiederum erwarb er sich, auf dass er sie auseinander nahm und zusammenfügte, mit dem häufig eintretenden Ergebnis, einer unreparablen Uhrmechanik. Dieser Nachteil schien nicht von grösserer Tragweite, um ein tieferes Verständnis für die Uhrmechanik zu entwickeln.

Sein inniglichster Wunsch war es, eines Tages selbst Uhrmacher zu werden.

Funktionieren tat nur eine in seinem Zimmer, und dass war der Wecker über seinem Bett.

Aber was uns bislang Erwähnenswertes entging, ist der Umstand, dass Samuel, geborener Brandt, an diesem Freitag seinen 13. Geburtstag feiern durfte!

Ein – in Anbetracht dieser tragischen Geschichte – , doch erfreuliches Ereignis! Oder?…..

Als er darauf voller Freude seine Grosseltern in die Arme geschlossen hatte, konnte er es kaum noch erwarten, die Geschenke auszupacken und den roten Marzipankuchen anzuschneiden, den seine Mutter eigens für ihn in mühsamer und zeitaufwendiger, deswegen auch vielerseits hochgelobten Rezeptur gebacken hatte. Er setzte sich als Erster auf den Stuhl am Kopfe des Esstisches, welcher mit einem Pappschild „Geburtstagskind“ versehen war und seine Familie folgte ihm etwas gemächlicher,  ebenfalls ins Wohnzimmer.

Da lag nun, die mit gelber Leuchtschrift – „ Zum 13. Geburtstag “- , vollendete, rote Köstlichkeit vor ihm und dreizehn Kerzen in allen Farben brannten schon.

Zuallererst machte sich der Junge daran, sämtliche Geschenke aus den Verpackungen zu befreien.

Eine Tradition in Samuels Familie, die er aufrechterhalten wollte, zumal er sie auf die allerliebste Bitte hin vor einer Woche eingeführt hatte und zwar aus folgendem Beweggrunde.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben; Unser Protagonist verabscheute Salat auf grässlichste.

Was war schon dran an diesem faden Gewächs? Auf in Pflanzenfasern gebundenes Wasser, welche überdies mit einer saueren Sosse angerichtet wurden, konnte er Weissgott gut und gerne verzichten. Er hatte sich einen meisterhaften Plan erdacht

Der gewitzte Lausbub würde argumentieren, dass er, – da nun sein Bauch gleich zu platzten drohe – , er keinen weiteren Bissen herunter bekäme und er sich leider, leider den folgenden Gang aufgrund dessen nicht einverleiben könne.

Zumal die Mutter nicht herrischer Natur war und ihr Herz sich rasch erweichen liess, würde sie, – zumindest spekulierte Samuel darauf – ,  seinem Drängen nachgeben.

Schwester, Mutter, Grossvater, Grossmutter und das Geburtstagskind stiessen allesamt zur Feier dieses glücklichen Tages mit süssem Traubensaft an und als sie sodann die Geschenke auf dem langen Tisch ausgelegt hatten, wollte Samuel die Kerzen auf einen Streich ausprusten.

„Was wünschst du dir?“, wollte Klara neugierig wissen.

„Ach Schatz, solcherlei Wünsche darf man nicht preis geben, ansonsten gehen sie nicht in Erfüllung, wie du weisst“, belehrte Frau Brandt ihre fünfjährige Tochter und forderte ihn mit einer warmen Geste auf, sich nicht stören zu lassen und die Flämmchen auszulöschen.

Dennoch, die Frage war nicht dumm, denn was er sich wünschen sollte, wusste er zunächst nicht.

Es fiel ihm nichts ein, alles was er jemals hatte besitzen wollen, besass er bereits und doch war da etwas gewesen…. Ihr müsst wissen; Samuel war ein sehr genügsamer Bursche. Materielle Dinge interessierten ihn wenig, so ungewöhnlich dies auch scheinen mag.

Er hatte eine Mutter, einen Vater und eine Schwester, die ihn  liebten und das war ihm das grösste Glück auf Erden. Aber da gab es doch etwas, dessen er noch nicht mächtig war…

„Schätzchen?“ Sekunden waren verstrichen, in denen Samuel Löcher in die dreizehn hellen Lichter gestarrt hatte.

Er erinnerte sich, dass ihn Grossvaters Tod beschäftigte, aber die Zeit selbst doch mehr als alles andere und aus dieser wieder erlangten Erkenntnis, ergab sich nun auch die Antwort auf die Frage, – seinen von ganzen Herzen bewussten Wunsch, der in Erfüllung gehen sollte.

Er wollte das Ticken der Uhren beherrschen, es sich zu seinem Eigen vermachen und Momente zu undenkbar langen Stunden werden lassen.

Er konnte nicht ahnen, welche Auswirkungen dieser, sich für gewöhnlich nie erfüllende Wunsch, haben würde.

„Ich wünsche mir, die Zeit zu beherrschen.“

Kaum hatten sich diese Worte in seinem Kopf manifestiert und er die Kerzen ausgeblasen, geschah das Unmögliche.

Die Welt stand still und dies so urplötzlich, dass er erschrocken meinte, einen sachten Ruck zu spüren, als ob der Globus in seiner Bewegung gebremst worden wäre.

Die ersten eigenen, noch immer tickenden Sekunden seines Leben verstrichen, bis er entsetzt bemerkte, dass seine ganze Familie, die kurz vor dem Jubeln schien, erstarrt war; es folgten keine Regungen.

Ihre Gesichtsausdrücke veränderten sich nicht um ein Zucken und Samuel erkannte eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Bild aus einem der alten Fotoalben, die seine Mutter im Schlafzimmer in einer alten Kommode aufbewahrte.

Er blickte auf einen festgehaltenen Moment.

Auf ein Bild, in dem er sich noch bewegte.

Verblüfft über dieses Phänomen, wollte er sich seine Mutter näher betrachten, als ihn ein Geräusch dieses Unterfangen untersagen lies; ein merkwürdiges Klicken war erschollen, dass er zuvor noch nie vernommen hatte und er fuhr abermals erschrocken zusammen, wie er entdeckte, was es ausgelöst hatte.

Im rechten Winkel seines Blickfeldes hatte sich etwas Kleines, rotes bewegt und er glaubte, er hätte soeben noch eine ins Schloss gefallene Tür gesehen.

Doch hätte er sie sich auch einbilden können, denn der vermeintliche Durchgang mitten im Wohnzimmer war verschwunden.

Stattdessen fand er an selbiger Stelle einen kleinen Mann vor und er wurde sich schlagartig bewusst, dass er diese Person durch seinen Wunsch in den vierten Stock, in die Wohnung seiner Familie befördert haben musste.

Wie er dies bewerkstelligt hatte und welchen Gründen jenes Ereignis anzulasten war, sollte er noch früh genug erfahren.

Der korpulente Herr in rot-gelb kariertem Gilet und braun-gelb karierter Pumphose, erinnerte ihn ( die Gründe sind mir unbekannt ) an einen schottischen Buchhalter.

In seinem rechten Auge klemmte ein ovales Monokel in einer Silberfassung und aus seiner linken Gilettasche baumelte aus gleichem Edelmetall die Kette einer kleinen Uhr, die Samuel jedoch verborgen blieb.

Was die Vermutung über seine Herkunft noch bestärkte, war sein schütteres, Wohlgepflegtes Haupthaar, das gänzlich einer Glatze gewichen war und ein buschiger, gezwirbelter Schnauzt, strohroter Farbe.

„Wer sind s….wie sind sie hier….?“ Der überraschende Besuch hatte ihm seine Schlagfertigkeit genommen und er starrte verdattert die absonderliche Erscheinung an.

„Mund zu, mein Junge“, befahl der Mann barsch und Samuel gehorchte.

„Die Frage richtet sich wohl eher an dich. Dein Begehren wurde vernommen, worauf man mich hierher schickte, um zu überbringen, was zum Zwecke dienlich sein wird.“ Er deutete mit seinen kurzen Armen ausladend auf die Räumlichkeit, als gäbe es einen Anlass, nach dieser kurzen Ankündigung zu applaudieren.

Doch keine stehenden Ovationen folgten. Es herrschte einige Sekunden Stille, bis Samuel zu sprechen wagte.

„Ich…mein Name….“ Begann er, noch immer irritiert;

„Samuel Brandt. Ich wohne mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester hier. Normalerweise, denn Vater ist nicht da….auf Auslandsreise“, ergänzte er verlegen, als ihn der Mann mit fragender Miene beäugte.  Sein Vater war Journalist von Beruf.

Er deutete auf die erstarrten Gestalten und fragte sich, ob es nicht doch ein Traum war, möglicherweise ein sehr realer Traum….

„Nmmmhh….nun denn, Samuel. Du weißt weshalb ich dich aufsuche.“ „ Ich, ähm…“

Noch ehe er etwas entgegnen konnte, fuhr der kleine Mann hastig und sehr formell fort;

„Schön,…für ausschweiffende Erklärungen mangelt es schlicht an Zeit, daher fasse ich mich kurz; In Anbetracht deines Wunsches überreiche ich dir hiermit die Uhr.“

Das letzte feierlich ausgesprochene Wort kündigte erstaunenswertes an.

Er enthüllte seine Eigene, reichte sie in einer leichten Verbeugung dem Jungen und trat ergriffen einen Schritt zurück, was seinen dramatischen Auftritt noch verstärkte.

Die Zeiger auf dem Zifferblatt standen still, nur die Sekunden, – oder waren es die Stundenzähler? – schienen noch ticken und zeigten offenbar an, dass seit dem erstarren der Zeit, zwei Minuten vergangen sein mussten.

Samuel war aufs Übelste unwohl. Ein Gemisch aus Freude und Angst verwirrten ihn. Freude, da sein Wunsch erfüllt worden war, Angst vor den Kräften eines so wertvollen Kleinodes.

Aber einen Haken, eine erwartete Gegenleistung, so argwöhnte Samuel im Stillen,  musste es doch geben.

Doch der Mann forderte nichts, stattdessen beugte er sich vor und erklärte mit rauer, fast flüsternder, forscher Stimme;

„Nichts zu danken.“ Er schien beleidigt, dass Samuel nicht reagierte.

„Zur Aktivierung der Uhr musst du diesen Druckknopf betätigen“, er deutete mit einem seiner wulstigen Finger auf ein silbernes Rädchen, zierlicher Machart, rechts vom Deckelscharnier der Uhr und meinte weiter ernst;

„Der andere jedoch, sollte für dich nicht von Belang sein, da seine Funktion seit geraumer Zeit irreparabel ist.“

Als er sich in leicht gebückter Haltung anschickte zu gehen, tat sich ein feiner goldener Riss mitten in der Luft auf und wuchs, bis er dass Ausmass einer grossen, auf Pfosten eingerahmten Tür aus dunkler Eiche erreicht hatte.

Bevor der kleine Herr im grellen Lichtschein mitsamt der Tür entschwand, wandte er sich ein letztes Mal um und mahnte ihn;

„Die Uhr ist alleine für dich bestimmt, Samuel! Das Eingreifen in anderer Leben trüge schwere Folgen nach sich, bitte vergiss dass nicht! Eine Stunde am Tage ist dein! Lebe wohl, mein Junge.“

Die silberne Taschenuhr in Samuels Hand funkelte wertvoll im einfallenden Licht der Fenster.

Erst jetzt erkannte er auf dem Deckel dieses Wunderwerks eine feine Ziselierung, die das Abbild eines eigenartigen Turmes darstellte; Eines Turmes, den es unmöglich geben konnte, denn die Hälfte seines festen Gemäuers wurde von Luft getragen, sodass es aussah, als ob dieser schwebte.

Wie seltsam dies doch alles ist….gestand sich Samuel zu.

Den Namen dieses sonderbaren Mannes habe ich nicht erfahren und dennoch schien er mir auf eine gar unverständliche Weise vertraut.

Das plötzliche Erscheinen jedes anderen Menschen hätte mich erschreckt, dieser aber, wirkte in jenem Moment da ich ihn erblickte nicht im Geringsten böse und so war es mir fast gleichgültig, dass er abrupt auftauchte….

Schlauer wollte er aus diesem, noch immer irreal wirkenden Geschehen nicht werden. Nun stand er da, mit gesenktem Haupt auf das Bildnis feiner Kunstarbeit gerichtet und fragte sich, was er damit bewerkstelligen sollte.

Die Zeit stand still.

Doch nun, da sie sein Geschenk war und er sie für exakt eine Stunde befehligen durfte, war das beklemmende Gefühl einer davonrennenden Zeit, vollkommen abgeflaut.

In diesem Moment wusste der Junge sie in keiner Weise zu nutzen, selbst nicht für eine eigenwillige oder gar böse Tat.

Nach reichlichen langem Grübeln hatte sich Samuel auf seinem Platze niedergelassen, ein letztes Mal die jubelnden Gesichtsausdrücke seiner Grosseltern, Mutter und Schwester betrachtet, bevor er, – von einem kalten Schauer über den Rücken begleitet -, das Rädchen aus seiner Zeitfassung einen Millimeter hinauszog und somit die Regungen in seine Familie zurückkehren lies.

Augenblicklich klatschen und riefen Sie durcheinander, jedoch allesamt das Selbe;

Alles Gute Zum Geburtstag

 

Ihm fiel erst auf, dass er immer noch besorgt die Torte anstarrte, als seine Grossmutter ihn fragte; „Was ist mit dir? Du bist ja plötzlich so blass um die Nase.“

Einen Haken an dieser Historie musste es doch geben….Die Uhr  lag schwer in seiner Tasche;  er entgegnete ihr mit überzeugender Fröhlichkeit;

„Ach, nichts. Ich freue mich sehr, dass ihr gekommen seid. Die Torte sieht verlockend aus!“

Und mit diesen Worten, ging die Feier seiner Ordnung nach, wie all die Geburtstagsfeiern zuvor, nur dass Samuel dieser Tage keine wahre Freude empfand. Die auf dieses Ereignis folgenden Wochen vergingen stetig und ohne Hektik.

Es war ihm, als würde die Zeit sich ihm allein nun ohne die Benutzung der Uhr fügen, vielleicht war es aber auch nur seine innere Einstellung, die sich verändert und ihm ein Gefühl der Ruhe gegeben hatte.

Er konnte es nicht in Worte fassen, einzig klar auf der Hand lag, dass seine innere Unrast verflogen war, seit jener kleine Mann ihn besucht hatte.

 

 

– Das Unglück-

 

Es war Mitte Dezember an einem verschneiten Sonntagmorgen gewesen, als die vollständige Familie Brandt gedachte, Grossmutter Agnes in ihrem nostalgischen Anwesen zu besuchen.

An Sonntagen wurden Ausflüge stets mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln unternommen.

Der Verkehr mit dem Wagen war zuweilen enervierend; Grossmutters reizendes Häuschen ausserhalb der Stadt, war mit der U- Bahn ohnehin in zehn Minuten zu erreichen.

Was lohnte es sich da also, über die Sonntagsfahrer auf den Strassen ein böses Wort zu verlieren?

Freilich freuten sich die Kinder über einen Ausflug, dennoch trübte ein besorgniserregender Umstand ihre Heiterkeit; Agnes litt an akuten Reuma und ihr Zustand hatte sich zusehends verschlechtert, seit sie in einem Moment der körperlichen Schwäche Tags zuvor eine Treppe hinunter gestürzt war.

Hinzu kam noch der Verlust ihres Gatten, welcher eine Genesung umso mehr erschwerte.

Sie wussten nicht wie es um sie stand und voller Sorgen verging ihnen allen in diesen Tagen der Appetit.

So hatte sich Frau Brandt nach kurzer Besinnung bei Butterbrot und Tee des Morgens entschlossen, ihrer einsamen, ans Bett gefesselten Mutter  Gesellschaft zu leisten und infolgedessen die ganze Familie zu einem Besuch angekündigt.

Doch Samuels Gemütszustand verschlechterte sich erschwerend, alsdann die Familie sich auf den Weg gemacht hatte.

Nasskalter Angstschweiss perlte auf seiner Stirn, er verlangsamte seinen Gang und ermattete; Ein Anzeichen für fiebrige Entkräftung.

Irgendetwas beunruhigte ihn seit seinem Geburtstag und diese düstere, sich an der Sorge um Grossmutter umso mehr nährende Beklemmung wurde, wie sich die Strecke zum Bahnhof Schritt für Schritt verkürzte, immer intensiver.

Sein Körper schien widerstrebend gegen diese Gefahr anzugehen, die drohte und ihn warnte.

Möglicherweise war es das hektische Treiben der Menschen, das unangenehm warm-feuchte Wetter oder die Tatsache, dass Grossmutter schlimme Schmerzen leiden musste.

Oder keimte derweil erneute Angst in ihm auf, nun auch noch seine Grossmutter zu verlieren?

Nein, das war es mit Gewissheit nicht.

Auf den Strassen tummelten sich die Leute in ihren Autos und auf den Trottoirs wie geschäftige Bienen.

Samuel wich da und dort einem hastig vorbei spazierenden Passanten aus und keiner machte sich die Mühe, ein kurzes „Entschuldigen sie bitte“ oder ein „Verzeihung“ zu äussern.

Was heute wohl im Gange war?, fragte er sich, denn an Sonntagen lies es sich für gewöhnlich zumindest auf den Trottoirs gemütlicher gehen.

Dergestalt meisterlich gelang es ihm den Fieberanfall vor seinen Eltern zu verbergen, dass diese davon nichts mitbekamen.

Überall diese Menschen, klagte er in Gedanken und sein Mageninhalt mit ihm.

Zu viele.

Der Lärm bekam ihm schlecht.

Zu hektisch.

Er glaubte sich zu erinnern, dass wohl zeitgleich diese Oper aufgeführt wurde, dessen Namen ihm entfallen war, etwas in dieser Richtung hatte er sicherlich vernommen.

Ja, so musste es wohl sein, sinnierte er, nun fieberglühend.

Wenn er so darüber nachdachte, begründete es nicht sein flaues Gefühl im Bauch, dass stärker wurde, je mehr sie sich der Untergrundbahn näherten.

Ach je, war ihm blümerant zumute!

Sie stapften durch den vom Abgas braun gefärbten Schneematsch und stiegen die Treppen zum Gleis hinab.

Mit allerletzter Kraft gelang es dem Jungen, sich auf einen freien Sitzplatz zu schleppen, wo er von der Seite, wenigstens drei Schritte entfernt, beobachtet wurde.

Da stand auf allen Vieren, einen kreisrunden, schwarzer Fleck um sein rechtes Auge besitzend, ein schlohweisser Pudel, gezügelt an ein Diamant besetztes Halsband und widersetzte sich der Zugkraft der Leine, welche sein dominierendes, in Fuchsfell gehülltes Frauchen ungeduldig straffte.

Die ihrem Äusseren nach zu schliessen wohlhabende, in ihrem Pelzmantel bis zur Gänze verborgene, ältere Dame mühte sich vergeblich ab, auf ihren parfümierten Schosshund einzuwirken.

Was soll denn daran absonderlich oder berichtenswert sein, mögt ihr euch vielleicht wundern.

Unartige Hunde sind für diejenigen, welche sie nicht zu massregeln und dressieren wissen, sicherlich eine unerfreuliche Last, aber doch nichts Aussergewöhnliches.

Nun, ich kann euch versichern, dass dieser Hund während seiner Treueverweigerung etwas wirklich Ungewöhnliches tat.

Der Hund starrte nämlich unverwandt in Samuels Richtung und dieser starrte verdattert zurück.

„Archibald! Wirst du wohl artig sein und herkommen! Beifuss, Archibald!“

Ihre laut erhobene, spitze Stimme, wie sie den Namen ihres Schosshundes erneut und schärfer betonte, sorgte für allgemeine Verwunderung unter den anwesenden Reisenden auf dem Perron.

Sie errötete vor Scham und Zorn, beherrschte sich jedoch, um das wenige, was einer würdevollen Erscheinung gleich kommen sollte und ihr erhalten geblieben war, zu wahren.

Doch Archibald fixierte den Jungen noch immer ungerührt mit einem menschlichen, warnenden Blick und zwinkerte ihm zu.

Ihr habt richtig gelesen.

Er zwinkerte dem Jungen zu.

Es war keiner dieser reflexartigen Zwinker.

Nein, der Hund zwinkerte ganz bewusst wiederholte Male

und wandte seine Schnauze hinweisend in die Richtung der Geleise.

Schliesslich und endlich packte die Dame ihren verhätschelten, einzigen Lebenspartner grob und beidhändig zwischen den Beinen und stolzierte mit hochhakigem Schuhwerk die Treppenstufen hinauf, wobei sie das arme Tier mit strengen Worten und erhobenem Zeigefinger zu erziehen suchte.

„So haben wir es aber bei Frauchen nicht gelernt!“

„Du bist ja ganz nass“, bemerkte seine Mutter indes, ihn aus dem Bann dieses seltsamen Geschehens reissend und tupfte seine Stirne mit einem Erfrischungstüchlein, welches sie aus den unerforschten Tiefen ihrer Handtasche hervor gekramt hatte, ab.

„Mir ist nur so warm,“ log er und lächelte überzeugend. Der Hund und seine Besitzerin waren nicht mehr zu sehen.

„Es ist auch schwüles Wetter, heute,“ klagte sie und fächelte sich mit erwiderndem Lächeln Luft zu.

„Im Zug wird es hoffentlich angenehmer sein.“

Hierbei wippte sie die kleine Klara auf ihrem Schoss und strich ihr liebevoll durchs Haar.

„Es dauert nicht mehr lange und wir sitzen in einem gekühlten Wagen,“ versicherte ihnen Samuels Vater.

Der Bruder umklammerte Klaras kleine, kalte Hand, als sie von kindlicher Unrast ergriffen, vom Schosse ihrer Mutter hinunter glitt.

„Aua! Du tust mir weh!“ klagte seine kleine Schwester und befreite sich aus dem festen Griff.

„Tschuldigung.“

Angst und Besorgnis brachten das Fass schier zum überlaufen und er wusste sich nicht zu helfen, forschte in allen Richtungen nach einer möglichen Gefahrenquelle, denn Gefahr war es, die dieses prickelnde Gefühl verursachte.

Man hörte das rattern vom sich nähernden Zug.

Darob traf donnernd das Ungestüm ein und noch bevor es im Hof angelangt war, geschah das Ungeheuerliche, oder währe es beinahe, hätte er nicht in letzter Sekunde eingegriffen.

Klaras Schwalbenschwanz, – sie beherrschte die Kunst des Origami erstaunlich gut – , war ihr im aufkommenden Wind entwischt und inmitten der Gleise gelandet!

Kinder in ihrem alter verstehen es nicht, die Gefahren in Alltag einzuschätzen und so dachte sich auch die kleine Schwester nichts Böses, als sie dem Papierflieger folgte und damit direkt auf die Gleise zu rannte, um ihn sich zurück zu ergattern.

Oh weh, kopflose Klara!

Dies alles ging so schnell von Statten, dass Samuel nur zu einem fähig war, ganz gleich, dass er mit seinem Handeln die Warnung des kleinen, rothaarigen Mannes in den Wind schlug.

Ihm war speiübel und das Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er den Zeithebel einfahren liess.

Ein Obdachloser hatte sich schon erhoben, offensichtlich aus demselben Beweggrunde wie Samuel.

Hätte er es gekonnt, so hätte er dem Mann für diesen ehrenvollen Einsatz ergriffen gedankt.

Da der Herr nun aber erstarrt war, schien ihm das unmöglich.

Er rannte geräuschlos auf die Gleise zu und erfasste mit geweiteten Augen erschrocken Klaras haselnussbraunes, erstarrtes Haar in der Luft.

Die Kleine befand sich im freien Fall und ihr Blick richtete sich auf das lustige Stück Papier zu Boden.

Der Bizarre Anblick trieb ihm die Tränen in die Augen.

Der Zug konnte nur noch etwa zehn Meter von ihr entfernt sein.

Hätte er nur einen Augenblick länger gezögert, hätte dies ihr sofortiges Ende bedeutet und alles was von ihr bliebe, wäre eine in Stücke gerissene Leiche!

Entstellt und blutüberströmt, er mochte es sich nicht vorstellen!

Zitternd umfasste er mit beiden Händen Klaras zierliches Becken und stellte sie auf die Füsse, weit entfernt vom Geleise.

Rasch, damit sie seine Tränen nicht sah, wischte er sich mit dem rechten Ärmel seines roten Pullovers über das nasse Gesicht.

Klara blinzelte und hob glücklich den Schwalbenschwanz in die Luft.

„Ich hab ihn.“

Als sie sich Samuels Gegenwart und verdattert die des Zuges bewusst wurde, offenbarte sich ihre eigentlich unkorrigierbare Tat und ihr Lächeln verblasste.

„Tu so etwas nie wieder! Nie wieder hörst du!“ Nur mit Mühe gelang es ihm die Tränen zurückzuhalten und stark zu sein.

„Mein Gott, um ein Haar währe es um dich geschehen! Treib einen solchen Leichtsinn kein zweites Mal, versprich mir das!“

Er griff forsch nach ihrer Hand und schien mit seinen blauen, geröteten Augen in ihre grünen und damit in ihre Seele blicken zu wollen.

Beinahe selbst den Tränen nahe, strich sie Samuel, der sich zu ihr hinuntergebeugt hatte, mit der kalten, zerbrechlichen Hand tröstend über sein heisses Gesicht und fragte hauchzart und voller Verwunderung;

„Warum lebe ich noch?“

Kinder sind noch reinen Herzens und ehrlich, daher war auch Klaras Scharfsinn auf eine bedrückende Weise bestürzend, als sie dies wissen wollte.

Erst viel später bekäme sie eine Antwort auf diese Frage.

Ein kühler Wind, obschon dies unmöglich war, zumal die Zeit still stand, kam auf und ihm folgte dunstiger, undurchlässiger Nebel.

Nicht wie für gewöhnlich, verteilte er sich, sondern konzentrierte sich zu einer grossen, hageren Gestalt, die sich vor ihnen Aufbäumte und die Bahnhofsuhr verdeckte.

Die Dürre Person, in einen weissen Talar gekleidet, ebensolchem, bis zum Boden reichenden, nachtschwarzen Haar, welches am Haupt von einer Gugel verdeckt wurde, war eine blasse Frau, mit spitzten, blutrotem Mund und zartblauen Augen. Eine Aura der Kälte um wabberte ihr ehrfürchtiges Erscheinen.

Ebenso war ihr Gesicht von Gefühlen und vom Alter unberührt; makellos,  – auf eine gar grausame Weise wunderschön.

Zeitgleich öffnete sich unweit von den Dreien wie dereinst ein goldener Riss in der Luft und weitete sich zu einer grossen, eichenen Tür aus.

„Klara Aurora Brandt“, deklamierte die Frau Monoton, sodass ihre Worte kühl durch den Bahnsteig echoten und sich wie ein obligatorischer Aufruf anhörten, dem man folge zu leisten habe.

Während sie so dastand, schrumpfe sie um ihre halbe Grösse bis sie schliesslich die eines Durchschnittsmenschen erreicht hatte und schätzungsweise einen Meter achtzig mass.

„Was wollen sie von ihr?!“, platzte es aus Samuel heraus.

Die Frau beachtete ihn nicht, gab jedoch zu verstehen;

„Ich fordere ein, was mir zusteht.“

Sie umschloss Klaras dargebotene Hand.

„Was tust du nur!?“, schrie er entsetzt. Wie konnte seine Schwester sich dieser furcht einflössenden Gestalt ohne die geringste Rührung nähern, es sah ihr nicht ähnlich, zumal sie fremde Leute stets gescheut hatte. Klaras Augen hatten sich wie von einem Nebelschleier verklärt, schienen ohne Ziel und Wille in Samuels Richtung zu blicken.

Ein warmer Luftzug strömte durch ihn hindurch und er vernahm die Worte eines Mannes;

„Halt! Ihr seid nicht befugt, dieses Mädchen mitzunehmen!“

Der Prallbauch von Buchhalter rückte sein Monokel mit gewichtigem Getue zurecht und stellte sich defensiv neben den hilflosen Jungen.

„Laut Paragraph 39’334 /y Absatz p des Zeitwerks ist bei Verstoss oder unsachlicher Verwendung der Uhr, einer gerichtlichen Verhandlung beim Zeitgremium beizuwohnen, welches sich um eine absehbare Strafe kümmern wird.

Dies gilt für den Besitzenden, Samuel Paul Brandt, sowie seiner nun, Mitbesitzenden und Schwester, Klara Aurora Brandt.

Sie sind daher dazu verpflichtet, die junge Klara in meine Obhut zu übertragen.“

„Sie wissen, wohin dies führen wird! Wir müssen dem Ungleichgewicht mit aller Kraft und Strenge entgegen treten, da es uns ansonsten noch mehr Ärgernisse bescheren wird!“ begann Mutter Tod mit erbebendem Haar und bedrohlicher, lauter Stimme zu widersprechen.

Dessen unbeeindruckt, konterte der Buchhalter amtlich;

„Mag sein, es liegt jedoch nicht in meiner Macht über die dafür weiteren Schritte zu verfügen. Allein der hohen Gerichtsbarkeit obliegt diese, wie sie nur allzu gut wissen.

Bis auf weiteres sind sie des jungen Fräulein Brandt’s  entlastet, solange das Urteil nicht vorliegt. Fahren sie fort!“

„Der Tag wird noch kommen, wo meine Worte etwas gelten und man mir glauben schenkt. Es ist unverantwortlich, mit der Zeit zu spielen!“ Mutter Tod schien zu zerfallen, als sie sich in ihrem wilden Zorn wieder in Nebel verwandelte und dieser schliesslich in einem wirbelnden Strudel verblasste.

Den Buchhalter schüttelte es leicht, als ob ihm ein eisiger Schauder über den Rücken gelaufen wäre. Er wandte sich entgeistert Samuel zu.

Eine Mischung aus Wut und Mitleid waren den grauen Augen und der Mimik des Mannes zu entnehmen.

Dieser fragte ihn vorwurfsvoll und bestürzt;

„Von Anfang an stand unser wohlwollendes Unterfangen unter einem verwunschenen Stern und nun tragen wir für unsere Nachlässigkeit Rechnung. Du hättest deine Schwester nie retten dürfen, der Preis für ihr Leben ist zu hoch. Das hätte nicht geschehen dürfen.“

Ohne auch nur eine Rechtfertigung abzuwarten, schloss er enttäuscht;

„Mit sofortiger Wirkung, enthebe ich dich der Macht über die Zeit.“

Dies tat er mit einer wegwischenden Handbewegung und ein seltsames Zirren, als ob die Unruh im Uhrwerk entzwei gerissen wäre, erklang.

„Meine Warnung in den Wind zu schlagen war töricht und dumm, dennoch mag ich es verstehen, selbst ich war einmal ein Mensch…. Zur gegebenen Stunde werden wir uns wieder sehen.“

Mit diesen letzten, herzzerreissenden Worten, zog er Klara mit sich, durch die Tür.

Der goldene Lichtstreifen verblasste und zurück blieb ein von überschwemmenden Gefühlen, schwächlicher Junge, der nicht wusste, ob er nun froh darüber sein sollte, dass Klara noch lebte, oder besorgt, dass sie bald schon dem Tode gewiss war.

Wie ein trockener Brunnen, war ihm nun zumute.

Das letzte Überbleibsel an Wasser, unten am tiefen Brunnengrund schien unlängst versickert und so konnte sich auch kein Einziger, salziger Tränentropfen auf seinen Wangen verirren.

Er schleppte sich entmutigt auf das Bänkchen zurück, auf dem seine Eltern mit erhobenen Armen und weit aufgerissenen Mündern in die Richtung des womöglich bald tödlichen Unglücks blickten.

Noch eine ganze Weile verharrte er neben seiner Mutter, die sich die Hände in den roten Haaren zerraufte und voller Qualen das traurige Schicksal ihrer Tochter miterleben musste.

Ihre Wange fühlte sich kalt und glatt,  wie geschliffener Marmor unter seinen Fingern an.

Die Stunde schien ewig.

Traurig, grausam und ungerecht.

Samuel hatte eine ernüchternde, aber wichtige Lektion gelernt;

Mancher Traum oder Wunsch, der in Erfüllung ging, konnte schneller als man dachte ein Alptraum werden, wohl geraten war es, sich genau zu überlegen, was man sich wünschte und welchen Traum man verwirklichen wollte.

So ist es wahrscheinlich auch manchmal ratsam, Träume und Sehnsüchte einfach unerfüllt zu lassen, oder man läuft womöglich Gefahr schwer enttäuscht zu werden.

Oh armer Samuel!

Es war wohl die bitterste Erkenntnis, zu der er gelangt war.

 

– Der irreparable Druckknopf-

 

Wochen vergingen wie im Fluge, doch von der kleinen Klara fand die Polizei nicht einmal eine einzige Haarsträhne.

Diese Schreckensgeschichte bot Brisanz genug, im Fernsehen und in Zeitungen darüber zu berichten, sowie Vermutungen über das rätselhafte Verschwinden des Mädchens anzustellen.

Kein Schandblatt hielt sich die Hand vor dem Mund und gebot dieser Widrigkeit Einhalt, wirre Spekulationen anzufachen, welche nicht selten auf Kosten der betroffenen Familie Brandt gingen.

So krönte jede Zeitung und jeder Nachrichtenbericht das gleiche Thema unter verschiedenen Titeln;

Klara Brandt, Tot oder Lebendig?“  oder „Ein Mädchen stirbt an einem anderen Tag…?“

Die meisten Spekulationen waren blanker Unfug und doch sehnte sich Samuel danach, das Getratsche währe war, damit er sie finden könnte und alles wieder beim Alten währe.

Kaum ein Tag auf Klaras Verschwinden war Frau Brandt beinahe einem Nervenzusammenbruch erlegen.

Nun erholte sie sich in einem Hospital, fernab der munkelnden Gesellschaft, bewacht von ihrem Ehemann, welcher nicht mehr von ihrer Seite wich.

Ewig lang zerrten sich die Wochen, –  für Samuel höchst ungewöhnlich – , in die Länge, so auch die Sorgen und noch immer wollte er nicht wahrhaben, dass Klara fort war und wahrscheinlich auch blieb, sollte diese Gerichtsverhandlung zu ihren Ungunsten verlaufen.

Was war eigentlich damit?

Wann würde er denn endlich vorgeladen?

Oder gab es keine Gerichtsverhandlung?

Hatte der Alte diese Geschichte etwa nur erfunden, damit seine Schwester dem sicheren Tod entwischen konnte?

Und wenn ja, warum? Warum sollte er ihr helfen?

Auf Vaters Bitte hin, hatte er sich entschlossen bei seiner Grossmutter Agnes zu übernachten und auf sie acht zu geben.

Selbe war aufgrund ihrer Rückenbeschwerden, vom Hausarzt dauerhafte Bettruhe verordnet worden.

Es währe wohl das Beste, etwas Abstand von der Stadt und den Erinnerungen daran zu gewinnen.

Doch jene Worte wären wohl nie zur Sprache gekommen, hätte Samuel nicht vergeblich versucht zu erklären, dass Klara nicht tot war.

Herr Brandt hatte seine Ausführungen nur Kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen, aber mitfühlend entgegnet;

„Auch wenn das, was du mir erzählst wahr sein sollte, wird Klara deswegen nicht aus dem Himmel in unsere Mitte fallen! Ich bin ebenso tief erschüttert über ihren Tod wie du, aber wir müssen insbesondere jetzt, – da sich der Zustand deiner Mutter rapide verschlechtert hat – , stark sein und, nun ja, das Beste daraus machen!“

Das Beste daraus machen! Wie sollte er aus etwas tief betrübendem das Beste hervorbringen?!

Zornig über die seiner Ansicht nach, dummen, sinnlosen, untröstenden Worte, stierte er nun im Hause Grossmutters auf das verwunschene Uhrwerk in seinen bebenden Händen und untersuchte das unnütze, wertlose Stück Silber nach etwas wichtigem ab, was ihn irgendwie zu seiner Schwester bringen sollte.

Er atmete beinahe so schwer wie Grossmutter Agnes, als er, wie schon sooft seither feststellen musste, dass keine Veränderungen ersichtlich waren.

Wie denn auch?

Es war nur noch eine Uhr.

In ihrem vermeindlichen Schlaf, hatte Agnes ihn schon eine ganze Weile beobachtet und schwächlich ihre zitternde Hand auf sein Knie gelegt.

Samuel war unmerklich zusammengezuckt.

Ihre vor Kraft strotzenden, saphirblauen Augen richteten sich erst auf die Taschenuhr, dann auf ihn und er glaubte zu wissen, was Grossmutter unaussprechlich auf der Zunge lag.

Zu schwach und zu krank war ihr Körper, einen Laut von sich zu geben, ihr Geist hingegen quicklebendig;

„Warum beschäftigt dich diese bedeutungslose Uhr?“, mochte ihr tröstendes Gesicht wohl fragen.

Was spielte es schon für eine Rolle, es ihr hier und Jetzt zu erklären? Grossmutter Agnes war  ohnehin zu kraftlos gegen seine Schilderungen zu protestieren.

In aller Ausführlichkeit berichtete er von Anfang an, wie er an zu dem verfluchten Geschenk gekommen war und als er endete, schien ihm ein Alb von der Brust gewichen.

Nicht Unverständnis oder Argwohn vermittelte Agnes Antlitz, nein.

Ein zartes Lächeln formte ihre müden Lippen, bedeutete ihm, dass sie seinen Worten glauben schenkte und Samuel verspürte seit endlos währenden Tagen, wie die Hoffnung wieder warm in ihm aufflackerte. Denn Agnes war einst in ihrem schlechtesten Zustand, dem Tode näher den je, von Mutter Tod besucht worden…weswegen sie ihm nun auch ohne Argwohn glaubte.

„Es gibt Jemanden….“, keuchte Grossmutter Agnes schwach und er beugte sich über sie, damit er  besser verstand.

Sie atmete schleppend und unregelmässig.

„Monsieur Pinzelli….“ Für möglicherweise weitere Anstrengungen fehlte ihr dann doch die Kraft.

Noch lange nachdem Agnes Brandt eingeschlafen war, verweilte ihr Enkel an ihrem Bett, wie es auch zu dieser Stunde ihr Schwager an dem ihrer Tochter tat und dachte an Klara.

Ob ihm wohl dieser Mann weiterhelfen konnte?

Zweimal wich die Nacht dem Tage, ehe sich der Schwesternlose Junge im Stande sah, seine Grossmutter für eine Weile zu verlassen und den von ihr erwähnten Herrn im Dorfinnern aufzusuchen.

Nachdem er zahlreiche Passanten nach einen Mann namens Pinzelli befragt hatte, – und diese waren an jenem kalten, verschneiten Montagmorgen spärlich zugegen- , war ihm ein entscheidender Hinweis geliefert worden.

Der Mann der Stunde sei Uhrmacher und Antiquar und wirke in einer kleinen Werkstatt, die angeblich in der namentlich genannten Federgasse aufzufinden sei.

Trotz fehlender Hausnummer entdeckte er das mit kostbaren Uhren bestückte Schaufenster und betrat, – ganz in seinem Element – , das ordentliche Geschäft, in welchem einzig eine Verkaufstheke aus Mahagoni und ein alter Kassierapparat den Raum einnahmen.

Es war eine Schande, dass ihm die betrüblichen Umstände einen Blick auf eine umfassende Sammlung von Uhren verwehrten.

Die schwere, braun gebeizte Tür aus Tanne fiel beinahe lautlos ins Schloss, dennoch vergingen nur wenige Sekunden, bis ein schlaksiger Mann mittleren Alters, um die vierzig,  den Raum betrat und sich die fettverschmierten Hände an einem grauen Lappen säuberte, oder es wenigstens versuchte.

Er trug eine graue, reinliche Schürze, schwarze Jeans und weisses Hemd, ebenso schmutzfrei. Zu seinem Äusseren ist ansonsten nicht viel zu bemerken.

Sein Haar war am Ansatz grau meliert und er trug eine feingliedrige, golden umrahmte Brille.

„Guten Morgen. Wo klemmt die Feder, wo stockt das Uhrwerk?“, begrüsste ihn der Uhrmacher mit einer widerlich euphorischen, in Samuels Augen unangebrachten Fröhlichkeit.

Da er sich nicht in der Verfassung sah, lange zu berichten, legte er flugs seine Taschenuhr auf den Tresen.

„Oh.“ Monsieur Pinzelli, entledigte sich bei diesem hinreisenden Anblick seiner Brille und klomm ein Okular in das linke Auge, wobei er vorsichtig den Verschluss für das Uhrwerk auf der Rückseite öffnete, damit er es näher in Augenschein nehmen konnte.

„Äusserst bemerkenswert“, beurteilte er der Sachkundige überrascht und murmelte. „ Nein, es ist ein Prachtexemplar sondergleichen, dennoch….“ Mit skeptischer Miene drehte er die Uhr um und musterte das Ziffernblatt zugleich verwirrt.

Auf seiner Stirn bildeten sich immer tiefere Furchen, er wendete sie abermals, griff aus seiner Schürzentasche eine gewöhnliche Pinzette und löste behutsam die gesprungene Unruh aus Edelmetall aus ihrer Position, bis sie auch ihm ersichtlich war. Ein langer, geradlinig verlaufender Riss zog sich durch sie hindurch.

Nun verstand auch er, was Monsieur so stutzig machte.

Die Uhr lief auch ohne intakte Unruh fortwährend, was sich der Regel aller Mechanischen Uhren widersetzte, denn keine gewöhnliche Uhr würde die Zeit noch angeben.

Monsieur Pinzelli war bewusst, dass dies keine normale Uhr sein konnte.

„Ein sehr interessantes Stück, was du dir da erworben hast…..“ sprach er vorsichtig, die passenden Worte wählend, legte ernst sein Okular beiseite und rückte sich wieder seine Brille auf der breiten Nase zurecht, noch immer voller Neugier auf das mechanische Wunder blickend.

„Was ist denn zu reparieren an dieser……Uhr?“, fragte er mit eng zusammen gezogenen Augenbrauen. Seine Augen wanderten abermals auf die faszinierenden, feinen Ziselierungen des Uhrdeckels zurück.

„Ich….“, begann Samuel und besann sich der Worte des Bibliothekars.

„Können sie mir verraten, ob es möglich ist den linken Druckknopf, welcher seit geraumer Zeit irreparabel scheint, zu reparieren? Um es vorweg zu nehmen, ich trage gerade kein Geld bei mir…..“ Seinen Worten folgend untersuchte der Fachmann den Hebel mit blossem Auge auf den Verschleiss, derartiges liess sich jedoch nicht feststellen.

Nicht auf den ersten Blick.

Hastig unterbrach ihn der Uhrmacher;

„Nicht doch, schon in Ordnung! Selten fällt einem erhabenen Sammler ein so aussergewöhnliches Stück in die Hände! Ach was rede ich denn da! Nie zuvor habe ich so etwas gesehen! Es wird mir ein Vergnügen sein, deine Taschenuhr zu reparieren, selbstverständlich gebürenfrei!“

Seine Augen waren vor Freude geweitet, himmlisch war das Gefühl, ein solches Unikum untersuchen zu dürfen.

Womöglich erfuhr er eine Neue, verbesserte oder gar vergessene Art der uhrmechanischen Kunst, eine Uhr die er, Francoire Dipilio Pinzelli für wenige Stunden besitzen durfte!

„Ach, Bevor wir vor lauter Aufregung das Wichtigste vergessen!; Telefonnummer und Adresse sollte ich noch wissen, dann werde ich mich bei dir melden, sobald Werk getan ist!“

Als Samuel rasch seine Personalien aufgegeben hatte, fragte er besorgt;

„Wie lange wird es dauern, die Uhr instand zu setzten?“

„Tage, möglicherweise auch Wochen, so präzise lässt sich dass bei diesem…..was auch immer, nicht deuten. Um dein Anliegen werde ich mich selbstredend als erstes bemühen, versprochen.“ Samuel war heilfroh, dass alles nun doch reibungslos verlief, trotzdem brachte er nur ein klägliches Lächeln hervor, welches Monsieur Pinzelli mit forschendem Stirnrunzeln erwiderte.

„Danke“, sprach er höflich. Monsieur nickte nur.

„Bis bald, Samuel!“ Kopfschüttelnd sah der Mann dem Jungen nach. Ein eigentümlicher und traurig wirkender Bursche, dachte er grübelnd, ehe er sich in seine Werkstatt verzog.

Als Samuel das Uhrengeschäft verlies, legten sich wie die Kälte um sein Gesicht, Zweifel um sein Herz.

Hoffentlich gelang dem Uhrmacher das Unmögliche. Hoffnung war das Einzige, was ihn nicht aufgeben liess und er bangte, dass sich nun doch noch alles zu Guten wenden würde.

Grossmutter berichtete er aufgeregt, wie es bei Monsieur Pinzelli gewesen war. Ihr erging es indessen etwas besser, nun konnte sie im Bett aufrecht sitzen und deutlicher sprechen, allerdings sagte sie wenig, lächelte nur und meinte dann irgendwann;

„Gib auf dich acht, mein Junge und bring sie unbeschadet zurück.“ Ihre Müden Augen wirkten besorgt.

„Das werde ich versuchen“, hatte Samuel versprochen.

Auch am nächsten Tag zog sich Stunde um Stunde in beinahe endlose Ewigkeit, bis endlich, um dreizehn Minuten nach eins, dass Telefon auf Grossmutters Kommode klingelte. Mit zitternder Hand drückte er die Hörmuschel ans Ohr.

„Samuel Brandt am Apparat?“

„Sei gegrüsst, Samuel, Pinzelli hier!“ Am anderen Ende der Leitung war eindeutig die Aufregung zu vernehmen.

„Mir ist es gelungen, den Druckknopf, oder wenn man es so zu sagen vermag, den Mechanismus wieder in Gang zusetzten! Ausserdem gibt es da etwas sehr, wenn ich es so nennen will, ungewöhnliches zu beobachten! Auf jeden Fall solltest du dich eilen, mir ist schleierhaft, wie lange es anhält!“

Und wie er sich beeilte!

Er konnte sich nicht entsinnen, je dermassen gerannt zu sein.

In der Hektik hatte er lediglich die Schuhe angezogen und war in die Kälte gestürzt, mehr war auch nicht nötig, denn bald schwitzte er am ganzen Leib!

Was würde möglicherweise nicht lange anhalten?!

Diese Frage trieb ihn voran und er rannte, rannte so schnell, als ginge es um sein Leben.

Als er Halsüberkopf durch die braune Tür fiel und keuchend zu Boden stürzte, wartete auch schon ein blasser, kränklicher anzuschauender Monsieur Pinzelli auf ihn.

Eine Begrüssung fiel aus, stattdessen half ihm der Uhrmacher grob auf die Beine und zerrte ihn mit sich, hinter den Tresen in die Werkstatt, wo die Uhr und noch etwas anderes auf ihn warteten….

Zuerst bemerkte Samuel die Tür nicht, er hatte seine Taschenuhr auf dem Werkbank entdeckt, welche unversehrt zwischen wenigen Metalspänen und einem schmierigen Putzlappen lag.

Doch dann waren seine braunen Augen zu der weissen Tür gewandert, die in einem kalten Licht glomm und mit ihrer stabilen Form wunderschön wirkte.

Sie war schmal und spitz in der Wand der Werkstatt eingelassen, als stünde sie schon immer dort.

„Was ist das für eine Teufelsuhr?!“ Francoire fror es am ganzen Leib, es war die Tür, die jene Kälte ausstrahlte.

Wunderschöne, erbarmungslose Kälte….dachte Monsieur Pinzelli und verschränkte zitternd, wenngleich neugierig seine Arme.

Der Junge hörte ihn nicht, zu sehr hatte ihn die Tür in den Bann gezogen, aber nach einer Weile wandte er sich um, kleine Dunstwolken stiessen aus seinen Nasenflügeln und griff nach seiner Uhr, die er in eine seiner Hosentaschen steckte.

Er konnte es ihm nicht erklären, jede Minute zählte und wenngleich es ihm möglich gewesen währe, so war er sich nicht sicher, ob ihm der Uhrmacher überhaupt geglaubt hätte.

Er musste seine Schwester retten, dieses Unterfangen war von äusserster Wichtigkeit und alles, wozu er sich imstande sah.

„Danke“, hauchte er, ehe er die Klinke erfasste, ins Schloss drückte, um seine Welt zu verlassen und eine andere zu betreten.

 

 

– Phinagho-

Durch einen Strom aus Farben und verschwommenen Schemen, gelangte er  auf die andere Seite.

Kalt und leblos wirkte diese Welt. Samuel stand frierend auf dem Absatz einer Wendeltreppe, welche sich in unschätzbarer Tiefe verlor und schloss nach wenigen Minuten des Auskundschaftens, dass er sich in einem Turm befand.

Weiss wie Schnee erschien der Verputz der harten Mauern, dem entgegen bildete die Treppe einen starken Kontrast, der sich wie Feuer zu Eis unterschied.

Jede einzelne Treppenstufe, ebenso das aus verschnörkelten Ornamenten bestehende Geländer, gefertigt aus unbenennbarem Material, warf kohlenschwarze Dunkelheit zurück.

„Sicherlich stammt es aus der Barockepoche!“, bemerkte er laut und verunsichert an sich selbst gewandt. Man darf wissen, Samuel hatte derlei in der Schule gelernt.

Die Atmosphäre im düsteren Konstrukt, war unangenehm und veranlasste ihn zu Selbstgesprächen, sodass seine Laune nicht vollends abhanden kommen konnte. Aber auf die Dauer, die der Junge Stufe um Stufe sich dem Erdboden näherte, siegte die Stille erbarmungslos über seine Ermunterungsversuche.

Blasse, matt gefärbte Glasfenster boten als einzige eine Lichtquelle im Innern des Turmes und da jedes gleicher Art war, begann der fröstelnde Junge allmählich zu zweifeln, ob ein baldiges Ende der Treppe überhaupt noch in Sicht kommen konnte. Aber weit gefehlt!

Das Glück war im hold geblieben.

Nach Kraftzerrender, stundenlanger Wanderung, wie ihm schien, erblickte er mit rumorenden Magen, drei Stufen unter ihm einen Absatz und eine schwarze Tür, eingerahmt in helles Silber im Mauerwerk.

Im trüben Licht traten deutlich die Ziselierungen aus der Front hervor.

Eine Augenweide!

Doch kaum hatte Samuel sie näher in Augenschein genommen, da rührten sich die schönen Gestalten und Rosetten schlangenhaft und wanden sich auf die Höhe von Samuels Hand, wo sie einen runden, silbernen Türknauf bildeten. Erschrocken über die jähe Veränderung wich er zurück.

Erst als jegliche Regung die tote Materie verlassen hatte, wagte Samuel den Knauf zu berühren, zu packen und sachte im Schloss zu drehen.

Das klickende Geräusch, das auf diese Unterfangen folgte, echote durch das gesamte Gemäuer.….

In gelbes Licht war der Raum dahinter getaucht und das leise Flüstern unzähliger Stimmen war zu vernehmen, in dass Samuel seine eigene warf.

„Guten Tag…., ist hier Jemand?“ Ja, ohne jeden Zweifel, denn er gewahrte die Antwort prompt und dermassen erschütternd, dass ihn nur schon der Gedanke daran, die Knie erzittern lies.

„VERSCHWINDE, SCHÄNDER!!!!“

Das infernalische Gekreische drohte ihm sein Gehör zu rauben! So schlug er in Todesangst die Tür im aufkommenden Windstoss, zu, was kein leichtes Unterfangen war und lehnte schwach gegen die Kalkwand.

Sein Herz raste unaufhörlich! Welchem grauenhaften Schicksal er wohl aufs Geratewohl entgangen sein musste!?

Es konnte nur bösen Ursprungs sein!

Nichts hielt ihn mehr hier!

Er musste aus diesem Todesgemäuer entkommen und seine Schwester finden, die es zu erretten galt!

Laut hallten seine trampelnden Schritte wider und er nahm keine Rücksicht mehr, obgleich ihn Jemand hätte hören können.

Sollte es zu einem Kampf kommen, so würde er sich zu wehren wissen, für seine Schwester!

Aber wer auch immer dies hier sein Zuhause nannte, mit dem mochte er, wenn es sich vermeiden liesse, unter keinen Umständen Bekanntschaft schliessen.

Aber  er währe gewappnet, sich zur Wehr zu setzten, wenn es denn so sein sollte!

Trotz edelmütiger Entschlossenheit, übermannte die Angst dann doch seine heldenhaften Gedanken, weshalb er in seinem Spurt kein einziges Mal Rast einlegte und zurückblickte.

So kam es, dass der Junge Brandt unerwartet, strauchelnd, über den gefliesten Grund der Eingangshalle schlitterte.

Welch Frohsinn und Erleichterung, es war geschafft!

Doch auch jetzt dachte er nicht im Entferntesten an ein Innehalten, nur erhaschte er einen raschen Blick auf die Wendeltreppe, die sich in unendliche Höhe empor wand und drückte die Eingangstür, in einem noch mächtigerem Tor und überirdisch, wunderbaren Angeln gehalten, auf.

Herrliche, warme und wohltuende Frischluft belebten seine Sinne, als er sich unweit des Turmes in weiches Gras erschöpft sinken liess und der Schlaf legte sich behaglich über ihn. Weich gebettet träumte er von Klaras freudiger Rückkehr.

Es mochten Tage vergangen sein, die Samuel verschlief, als er jedenfalls erwachte, vermochte er nicht zu deuten, wie lange er im Grün gelegen hatte.

Die Sonne strahlte goldenrot und schwach.

Zweifelsohne konnte auch schon eine Nacht verstrichen sein.

Samuel wusste es nicht und ihm war es sichtlich gleichgültig, als er sich gähnend und streckend erhob.

Selten hatte er sich wohler und geborgener gefühlt, als in diesem Augenblick. Beinahe schon, hatte er Klara vergessen, als etwas warmes sein Bein streifte.

„Hilfe!“, schrie er, doch Entwarnung,  es war nur eine weisse Katze.

Eine Katze…..Klara liebte Katzen…..

„Oh weh, Klara!“ Wie konnte er nur so nachlässig sein!

Er erwog es schon, los zu laufen und sie zu suchen, als er missmutig seiner Umgebung gewahr wurde.

So weit das Auge reichte, erstreckte sich eine hügelige, anmutende Graslandschaft, selten durchsetzt von Laubbäumen und Stauden.

Nichts als grün, ja sogar als er sich zu der Wolkenlanze, aus der er geflüchtet war, umwandte, offenbarten sich ihm grüne Hügel.

Der Turm war verschwunden, nicht aufzufinden, wo er ihn vermutet hätte!

Nirgends am Horizont dieser grünen Einöde, war auch nur ein Überbleibsel zerfallenen Mauernwerks zu entdecken.

„Wie ist das nur möglich……?“, klagte der Junge weinerlich.

Er musste wohl durch die falsche Tür getreten sein.

Als er in seine rechte Hosentasche greifen wollte, um seine Taschenuhr hervor zu kramen, streifte das weisse Tier erneut seine Beine.

Davon liess er ab und sprach;

„Du hast dich wohl verirrt, kleine Katze. Weißt du, wo wir hier sind?“

Ihr Fell war glatt und fühlte sich an wie Seide, so samtig und weich wie es Samuels Finger kitzelte.

„Mit Verlaub, ich bin ein Kater, keine Katze und nein, ich habe mich nicht verirrt.“ Der Junge zuckte zusammen.

„Warst du das?“ Vernehmbar räusperte sich das Tier.

Keinesfalls hätte Samuel eine Antwort von einem Kater erwartet, hatte er doch mehr zu sich selbst gesprochen.

„Das kann doch nicht…“

„Dennoch ist es so, Junge.“ Die grünen Augen des Katers glitzerten ihn in seinem frechen Antlitz entgegen.

Ein sprechender Kater!?

Ungläubig kniff sich der Junge fest in den Oberarm, aber der vermeidliche Traum endete nicht.

Um des Katers rechtes zog sich ein kreisförmiger, schwarzer Fleck, den Samuel an etwas erinnerte, fraglich an was….

„Wie heisst du?“, fragte er.

„Man nennt mich Phinagho Gundin. Ich würde es allerdings vorziehen, wenn du mich Phinagho nennst…. sag, wie lautet dein Name.“

Das schlaue Tier setzte sich aufrecht ins Gras und unterzog seine Pfoten einer gründlichen Katzen- oh Verzeihung, – einer gründlichen Katerwäsche.

„Samuel Brandt….kannst du mir helfen meine Schwester, Klara zu finden. Ein kleiner Mann, Glatze und rotes Barthaar, hat sie durch eine Tür mitgenommen.“

„Durch eine Tür, sagst du?“ Phinaghos Augen verengten sich zu Schlitzen.

„Rote Haare und eine Glatze, hmmm…..Du wirst wohl Gevater Zeit begegnet sein, gehe ich richtig in der Annahme?“

„Vermutlich, er nannte mir seinen Namen nicht.“

„Es ist ja auch nicht sein wahrer Name, lediglich sein bezeichnendes Amt, dem er inne wohnt.“

Das Tier schnurrte und tollte sich auf der Erde, als gäbe es nichts Wichtigeres, was Samuel ärgerte, zumal Klaras Schicksal auf Messer Schneide stand.

„Dann bin ich hier richtig?“, fragte er nachdrücklich.

„Das kommt darauf an“, maunzte Phinagho vornehm und legte sich auf seinem Bauch nieder.

„Wie meinst du das? Worauf kommt es denn an?“

„Du wirkst rege und lebendig, wenn dies bemerkt werden darf….“

„Himmel bewahre, zum Glück, ja! Was tut dies denn zur Sache?“ Ein undefinierbarer Ausdruck trat auf das Gesicht der Kreatur.

„Ich denke, du ahnst, was ich damit andeuten möchte….Ganz recht, kein lebendes Wesen betritt für gewöhnlich diese Gefilde.“

„Du willst doch nicht….“

„ – alles was je in meine Welt gelangte, war tot!“, unterband ihn der Kater mit harter Klarheit.

„Nun, für gewöhnlich ist es hier die Norm, aber dein Erscheinen springt einem entgegen, wie ein Frosch aus der Höh’. Und glaube mir; Frösche wirst du in dieser Welt nicht antreffen. Zu schade…“

„Aber du lebst ja auch noch…“

„ Tue ich das? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.“

Er maunzte verdriesslich, streckte sich ausgiebig und zupfte mit ausgefahrenen Krallen einige Grasbüschel aus der Erde.

Nach dem beendigten Gereckel erklärte er sich weiter dem nun blassen Jungen.

„Wenn du deine Schwester finden möchtest, so führte dich die Uhr an den richtigen Ort, aus der Sicht aller anderen Beweggründe tat sie es nicht.“

Seine grünen Augen richteten sich allwissend auf seine rechte Hosentasche, wo seine Uhr verborgen blieb.

„Ich sehe aber keine Toten“, stellte Samuel schaudernd fest.

„Oh, welch wundersames Paradoxon! Nun, dass ist wahrlich so einleuchtend wie ein, vom Baum fallender, reiffer Apfel, törichter Junge! Lebende sehen Tote nicht, ebenso wenig ist es den Toten möglich, Lebende Menschen zu erblicken! Währe dem so, – welch ein grauenhafter Gedanke! -, begegnetest du an jedem Tage mindestens einem dutzend umher irrender Seelen, Samuel!“ Unwillig sträubten sich Phinagos Nackenhaare zu Berge.

„Woher nimmst du die Sicherheit, dass deine Worte der Wahrheit entsprechen?“, bewegte es Samuel zu erfahren.

„Ich bin, – dass darf ich durchaus von mir behaupten -, ein gebildetes Wesen, und weiss so Manches über euch Menschen. Debil, wie manch andere in meinem Alter, bin ich freilich nicht “, schweifte er in hochmütigem Tone ab.

„Allenthalben schnappe ich Häppchenweise, die sonderbarsten Geschichten auf, zumeist nur unspektakuläre Kamellen, selten aber auch hochinteressante Begebenheiten….“

„Ach…? Und von wem?“

„Das tut hier nichts zur Sache“, entgegnete das Tier schnippisch.

Samuel hatte sich inzwischen im weichen Gras niedergelassen und war ungeduldig Phinaghos Lamentierungen gefolgt, die wenig mit seinen Fragen gemein hatten.

Könnte ja sein, beurteilte er sich ernst, dass ich ihn mit meiner Fragerei durcheinander bringe….. Sodann formulierte er langsam und deutlich;

„Wo bin ich hier?“

„Irgendwo im Nirgendwo, exakter lässt es sich nicht beschreiben.

In der Zwischenwelt, – wenn du so willst -, die den Toten geleit in die Endlichkeit gewährt…Hierzulande nennt man es Nonnsiat, dass Land, welches nicht ist, lediglich vorgibt zu sein.

Man kann es gleichermassen als eine gigantische Sammelstelle bezeichnen, in der die guten, wie die bösen Seelen ihrem gerechten Platze zugewiesen werden.

Allerdings mangelt es diesem Vergleich der Präzision, die ich aber, um dein Verständnis Willen, hier nicht gewichten möchte. Er genügt für dein geistiges Niveau, um am Rande die Komplexität der hiesigen Prozesse zu verstehen. Oder, – ich korrigiere mich an dieser Stelle – , sie annähernd zu erahnen.“

Himmel und Hölle vermutlich, oder etwas ähnliches, vermutete Samuel der sich in seinen Gedanken verlor.

Wie schon erwähnt.

Phinaghos Welt gab nur vor zu sein, doch ihm war diese Beschreibung in ihrer Bedeutung schleierhaft und zusehends irritierender.

Und man muss einräumen, dass sich der Kater nicht sonderlich Mühe gab, Samuel die Dinge konzis und verständlich zu erklären

Wie sollte etwas, was nicht war, vorgeben können, zu sein?

Gleichwohl wollte es ihm keinen Sinn ergeben, wie er weiter hirnte, also lies er ab von diesem Gedanken.

„In welche Richtung liefen sie denn?“, fragte er abermals, mit wachsender Sorge um Klaras wohl.

„Von wem sprichst du?“

„Von meiner Schwester und Gevater Zeit natürlich!“ Nein, nein, von Debilität ist ihm nichts anzumerken!

„Du lenkst vom Thema ab. Ich war doch gerade noch dabei, dir einiges über diese Welt näher zu bringen.“, bemerkte der Kater beleidigt, doch als er die zornige Miene des Jungen erblickte, wagte er keine Ausflüchte mehr und sprach eilig und mit zitternder Stimme fort;

„Immer dem Weg entlang, – sprich -, auf dem Weg logischerweise, – gen Westen – ,  höchst wahrscheinlich…“

„Welchen Weg denn entlang? Vor meinen Augen erstreckte sich bis anhin nichts weiter, als grüne Landschaft. Ich entdecke nirgends einen Pfad oder dergleichen!“ Als er dies aufgebracht bemerkte und aufgestanden war, geschah etwas sehr sonderbares und zugleich erleichterndes.

Beinahe so, als hätte er schon Minuten, Stunden oder gar Tage darauf gewartet, – durchflutete das kniehohe Gras rauschend eine Bewegung und der aus Granitplatten angelegte Weg erhob sich aus dem Erdreich zu seinen Füssen.

Mit seiner alt anmutenden, von Unkraut überwucherten Beschaffenheit, kam es dem Jungen vor, als ob ihn dieser verhöhnte, wie wenn er mit seinem Auftritt hatte sagen wollen;

„Hast du denn keine Augen im Kopf, Dummchen?“ Phinago lächelte.

Mittlerweile reagierte Samuel  gegenüber  solchen Vorkommnissen gefasster und versuchte den Kater nicht anmerken zu lassen, dass es ihn überrascht hatte.

„Ach so, dieser Weg“, hüstelte er willkürlich.

Das Tier hob kaum merklich die linke Augenbraue und rollte mit den Augen.

„Und wohin führt er?“

„Da und dorthin, an einen Ort, möglicherweise, den du erreichen möchtest. Vielleicht, – wie erwähnt -, gen Westen“, antwortete Phinago ruhig und belustigt über Samuels Gebaren, welches ihm nicht, wie dieser gedacht hatte, entgangen war.

„Niemand vermag das besser herauszufinden, als du selbst, denn er führt, wohin man auch immer möchte.“

„Aber wohin sollte ich den wollen, wenn du mir nicht verrätst, wo sich meine Schwester aufhält?“ Der Kater schien dabei ernst zu grübeln und sprach schliesslich;

„Dummerweise kenne ich den Aufenthaltsort deiner Schwester nicht, aber es währe doch möglich, dass dir ein Anderer eine Auskunft geben könnte…“

„Das ist schön und gut, aber sag doch, – wer?“

 

– Die Dame am Hügel –

 

„Frau Treulich, eine sehr vornehme Dame am Hügel Süd-westlich von hier weiss dir sicher Rat zu geben. Wenn du zu ihr gelangen möchtest, musst nur dem Weg gebieten, dich zu führen.“

Was er darob auch etwas unbeholfen tat. Noch nie hatte er einem Weg befehlen müssen, ihn zu führen, denn in seiner Welt führte ein Weg stets an denselben Ort und man kam schlicht nicht auf den Gedanken, mit Teer oder Kies einen Monolog zu beginnen. So gebot er zuerst kleinlaut, dann aber deutlich vernehmbar; (Er kam sich dabei ziemlich dumm und lächerlich vor)

„Weg…führe mich zu Frau Treulich!“ Nichts Ungewöhnliches geschah, nur ein leichter Wind kam auf. Ob das schon der Zauber gewesen war? Mit fragendem Ausdruck im Gesicht wandte sich Samuel an das Tier, welches eifrig nickte, sich erhob und an seine linke Seite begab.

„Was stehst du hier, wie ein fest verwurzelter Baum? Rasch, eile dich, ehe es sich der Weg anders besinnt!“ Es blieb ihm wohl Nichts übrig, als seinem neuen, haarigen Weggefährten zu gehorchen und kurzen Fusses seinem Ziel entgegen zu schreiten.

„Und du bist dir seiner sicher?“, fragte Samuel skeptisch.

„Selbstredend.“ Meinte dieser auflachend und hochmütig.

„Wer bin ich denn, wenn ich mich täuschte? Wohl ein seniler Zeitgenosse, mein Junge. So sicher, wie dein unbezwingbarer Wille, ist das Geleit unseres Freundes zu Füssen!“

„So will ich nicht weiter tausenddreihundertunddreiundzwanzig Jahre Lebenserfahrung mehr zählen, sollte ich falsch liegen! Und nun halt bitte ein, mit deinen unerschöpflichen Fragenfluss, mir ist schon schwindlig davon! Immer treibt euch junge Menschen diese mit Ungeduld gepaarte Neugierde in die prekärsten Lagen. Geduld ist eine Tugend. Du solltest sie erlernen, sofern dein Wissenshunger rasch befriedigt sein will. Denn wer geduldig ist, vermag ein besonnener, mit der Tugend zu Überdenken, gesegneter  Forscher werden. “

Sodann überquerten sie nahezu lautlos Hügel, um Hügel, um Hügel und nicht ein Tier kreuzte ihren Trott durch die Auen.

Nur Gras, Büsche und Laubbäume belebten die sonst stille Welt, mit ihrem ruhigen, im Winde rauschenden Blatt- und Halmwerk. Während der langen Wanderung bot sich Samuel reichlich Zeit, über all seine Erlebnisse zu sinnieren und herauszufinden, wie es soweit überhaupt erst hatte kommen können.

Warum war ihm bis anhin die Zeit eine solche Qual gewesen? Lag es womöglich an seiner Hauptbeschäftigung, der Bastelei an diversen Uhren, dass er sich immer mehr im wirren Netz der Zeit verloren hatte? Je mehr er sich mit jenen Gedanken zusetzte, desto deutlicher wurde ihm die Erkenntnis, dass sich für seinen einstigen Zustand keine Erklärung finden lassen konnte. Er spürte, – sollte er sich noch weiter seinen Geist daran zermatern -, es würde ihn kläglich zu Grunde richten und all seiner Stärke berauben. Vorab musste er einmal zu vergessen versuchen und seine Kräfte bündeln, zugunsten von Klaras Rettung, oder, – und dessen war er sich im Klaren -, der unbegonnen Kampf ginge verloren und er sähe seine Schwester nie wieder.

„Bist du wirklich so alt?“, sprach er ungläubig und etwas unvorsichtig formuliert, Phinagos Worte erst im Nachhinein verstehend.

„Welch absonderliche Frage. Ergäbe es denn irgendeinen Sinn, dir ein Märchen glauben zu machen? Wohl kaum. Wenn du nun unbedingt die Notwendigkeit ersiehst, dich meines Wissens zu bemächtigen, solltest du dir vorerst bewusst darüber werden, über wie viel Wissen du mächtig bist.  Ansonsten müsste ich dir ein und das Selbe wieder und wieder erklären und dazu bin ich mir, – mit Verlaub -, zu Intelligent.“ Stolz wandte sich der pelzige Narzisst mit in die Höhe gerecktem Schweif vorwärts. Samuel nahm seine Tadel uninteressiert zur Kenntnis.

„Frau Treulich, von der du erzähltest, – wer ist sie? Hält sie sich in ähnlicher Verfassung, wie meine Schwester?“ Phinagho verharrte wenige Schritte vom Jungen entfernt zu Grunde und visierte ihn  eulenäugig an, sein linkes Ohr kaum merklich zuckend.

„Durchaus ähnlich“, sprach er seltsam.

„Warum verwickelst du sie nicht  in eine hitzige Debatte? Sicherlich würden unglaubliche Dinge zu Tage treten, wenn du einen Versuch wagen würdest. Nun, wir sind der werten Frau näher als gedacht.“ Und Tatsächlich! Der Weg beschrieb eine Linkswendung, hinter einem höheren, Grasbewachsenen Erdhügel und war weiter nicht zu sehen.

So gelangten sie in den sonnigen Blumengarten der Dame, kaum hatten sie die andere Seite des Hügels betreten und eine Brise wohlriechender Blütenpracht überschüttete sie sogleich.

Es schien eine ganz kleine, heimelige Welt zu sein, dieses Anwesen.

Tulpen, Rosen, Sonnenblumen, Krokusse, Narzissen und zahlreiche andere, namhafte Gewächse hatte jene liebevoll gezogen. Sie gediehen  allesamt in der nahrhaften Erde und in den schillernsten Farben, die seine Augen je erblicken würden.

Vollkommen in den Bann der Blumen gezogen, hatte er den Kopf der Frau, inmitten ihrer Liebsten übersehen. Erst der weisse Kater machte ihn darauf aufmerksam, alsbald das Tier sich auf samtenen Pfoten ihr näherte und zur Treppe eines niedlichen, Strohdach versehenen Häuschens niederlies, den Schwanz ruhig an den Körper geschmiegt. Auf einem weissen, goldumrahmten Schild zur rechten eines rosenroten Briefkastens, – jener allerdings unbeschriftet -, stand, in geschwungenen Lettern geschrieben;

Dorothea Gutlieb Treulich

Weiter nichts. Er hatte gehofft, einen Verweis auf ihre Stellung zu finden, welcher ihm möglicherweise mehr über diese Person in Erfahrung gebracht hätte, doch auch die Rückseite gab nicht mehr preis als eben deren Name.

Aber für was stand hier ein Schild, wenn doch kein lebender Mensch hier sonst einkehrte?

Diese Welt wurde immer suspekter.

„Guten Tag“, sprach eine spitze Stimme aus dem Blumenmeer. Deutlich konnte er das Klappern von einer Tasse vernehmen, welche sachte auf ein Tellerchen gestellt wurde und hohes damenschuhgestöckel, näherte sich ihm raschelnd.

Dorothea Treulich, Urheberin des Lärms, trug ein grasgrünes Samtkleid, – schrägem, silbernen Knöpfen ausgestatten Schlusses – , welches schlicht mit gerafften Rüschen und Spitzen, an Ärmelsäumen, Kragen und Rock bestückt war. In ihrer linken, hielt sie zwei königsblaue, teilweise abgewetzte, armlange Glacéhandschuhe, versehen mit der einst edelsten Floralstickerei.

In ihrem wirren, zu einem simplen Bürzel hochgesteckten Haupthaar, glitzerte eine türkise Broschenklammer und ihre ausgearbeitete Büste zierte eine Perlenkette, die in dieser farbeintönigen Komposition nicht harmonieren wollte.

Alles in allem wirkte ihre Erscheinung ohnehin etwas zerlumpt. Zahlreiche Löcher waren mit Flicken, mehr schlecht als recht gestopft worden. Und diese Proportionen! Eigentümlich. So ähnelte sie mehr einem Stundenglas, denn einer Frau und auch ihr Gesicht, – lang und knabenhaft, eine gänzlich winzige Stupsnase zwischen den Augen besitzend -, erinnerte Samuel an seine Schwester, Klara…..

Er erwiderte ihr freundliches Lächeln höflich, durchsetzt mit einer Andeutung des Schmerzes, den er bei Betrachtung ihres Gesichts fühlte und beugte sich leicht vor, in der Ahnung, dass es gewünscht sei.  Derlei Dinge pflegte er sonst nie zu tun.

Er wusste nicht was ihn dazu verleitete. Womöglich war es dieser Ort…

„Guten Tag“, gab er scheu wieder. „Samuel Brandt ist mein Name. Phinagho riet mir, sie aufzusuchen. Er sagte, sie währen über den Aufenthaltsort meiner Schwester vertraut…“ Ausführend wies er auf den Kater, der, – wie konnte das geschehen! -,  sang und klanglos verschwunden war. Dieses treulose Tier!, grämte Samuel enttäuscht und peinlich berührt, da er wohl verrückt auf Frau Treulich wirken musste, mit einer imaginären Gestalt daher zu gehen.

„Wo zum Teufel…..?“ raunte er.

Fortan lächelnd sprach die Dame;

„ Ach ja!“ Sie lachte laut und etwas heiser, als währe es das erste Mal nach langer Zeit.

„Phinaghos Wandeln ist bekennend; ruhelos und voller Wissbegierde, wie er umherstreift in dieser Welt. Tief im Grunde ist er ein ungebundenes Wesen, welches Erscheint, wann immer es ihm beliebt. Also sei nicht enttäuscht, weil er sich nicht verabschiedete.“

Ihre Stimme klang zart und weich, von Wärme erfüllt und ihm überkam eine Woge der Geborgenheit.

„ Dann kennen sie ihn?“

„ Gewiss und besser als jedes andere Subjekt in dieser Welt“, antwortete sie mit einem viel verheissendem Lächeln.

„Setz dich, bitte.“ Sie wies ihm einen Platz bei Tisch zu und Samuel lies sich dankbar inmitten der hochgewachsenen Blumen nieder, sodass er seinen schmerzenden, fusslahmen Beinen eine angenehme Pause gönnen konnte.

Die Luft roch erfrischend rein und doch duftete sie nach Blumen. Ein wundervoller Tag schien es zu werden und die behagliche Wärme erfüllte ihn bis ins Innerste, die Sonnenstrahlen beleuchten fühlbar sein düsteres Herz und lockten ein erstes, ehrliches Lächeln auf sein junges Gesicht. Hierum schien das Wetter den natürlichen, physikalischen Gesetzen zu folgen.

„Wie stehst du zu Tee? Darf ich dir welchen anbieten?“ Da stand auf einmal eine Tasse auf der Tischfläche- Samuel drängte sich die Frage auf, wie er sie nicht hatte bemerken können, zumal Tassen Geräusche von gaben, wenn man sie benutzte. Und kaum hatte er sich versehen, gesellte sich eine Teekanne aus dem Nichts zu dem Service. Er staunte nicht schlecht.

„Gerne?“ erwiderte er höflich, aber überschlug erneut beunruhigt seine Beine unter dem Tisch, als er an Klara denken musste, die jetzt womöglich irgendwo in einem finsteren Gefängnis verharrte und Mutterseelenahleine auf ihren Prozess warten musste. Warten, während dem er hier gemütlich Tee trank…

„Kamen hier kürzlich zwei Menschen des Weges? Es dürfte noch nicht allzu lange her sein, dass sie diese Welt betreten haben. Es handelt sich um meine kleine Schwester Klara, – sie ist fünf Jahre alt und trägt schulterlanges, haselnussbraunes Haar – , und um ein älterer Herrn, mit rot karierter Kleidung, einer Glatze, versehen mit wenigen, roten Strähnen….Ach ja, er trägt zudem ein Monokel, wenn ich mich recht entsinne….“

„Hmm….durchaus wahrscheinlich. Magst du Kekse?“ Sie bot ihm welche auf einem zierlichen Tellerchen an, von welchen er ohne Zögern kostete und schien streng zu hirnen, wann sich ihre Begegnung zugetragen haben könnte. Samuel vermeinte zugleich, dass ihr, unter der Anstrengung sich die Erinnerung ins Gedächtnis zu rufen, die Wangen rötlich verfärbten. So sass sie also einige Minuten fort verkrampft auf ihrem Sessel, während dem er sich an dem Gebäck gütlich tat und vom süssen Minztee trank,  auch bald feststellte, dass sein Hunger weitaus grösser schien und nicht mit einer Hand voll Kekse zu bändigen war. Seit seiner überstürzten Verschwinden aus der wirklichen Welt wie erwähnt, hatte er weder etwas getrunken noch feste Nahrung zu sich genommen und so war es nicht verwunderlich, dass er mit nur wenigen Bissen dass Tellerchen seiner duzend Schokoladen- Mandelkekse entledigt hatte, noch bevor Frau Treulich sich der Antwort besinnte und erstaunt Aufblicken konnte.

Ihr verblüffter und amüsierter Gesichtsausdruck, lies ihn sein peinliches Gebaren, – prall und aufgeplustert wie sein Backen von der Stärkung nun waren-, bemerken und er würgte das staubtrockene Gebäck mit einem kräftigen Schluck heissem Tee hinunter, worauf er sich erheblich die Zunge verbrannte.

Sie befand nach kurzer Überlegung, dass der Junge wohl noch  hungrig war, schickte sich still an, einen Teller Suppe und einen Leib Brot für den Ärmsten zu besorgen und erhob sich raschelnd vom Tische.

Es dauerte nicht allzu lange bis die Dame mit den Speisen wiederkehrte und ein herrlicher Duft zärtlich und verlockend seine Nüstern um strich und die Luft erfüllte Die Getreidesuppe, welche ihm dargereicht worden war, schmeckte vorzüglich und vermochte dergestalt über den Hunger zu Obsiegen, dass sich sein Hosenbund alsbald schon schmerzhaft in seinen Bauch drückte.

Wie gerne hätte er jetzt einen Hosenknopf gelockert um sich Luft und Raum zu verschaffen, doch währe es vor jedweder Person unmanierlich gewesen, dergleichen zu wagen, wie Samuel nur allzu gut wusste und so ließ er ab davon.

Ein nichtssagendener, unbedeutender Gedanke formte ihren dünnen Mund zu einem herzlichen Lächeln und ihre Sicht wirkte weit entfernt und verträumt, als zöge sie etwas fort.

Bis anhin hatte sie stillschweigend bei Tische gesessen und geduldig gewartet, bis der Fremde Junge den letzten Krumen Brot und Tropfen Suppe verspeist hatte. Obgleich es Samuel aus ihrem von Erinnerungen vernebelten Blick, welcher sich im Blumenmeer ihres Gartens vertiefte, nicht zu entnehmen vermochte, glaubte er dass sie sich an etwas Trauriges erinnert haben musste. Frau Treulich blinzelte kaum merklich, als sie sich ihrer eigentlichen Umgebung gewahr wurde und senkte verlegen ihr Haupt nieder.

„Wie rasch das Leben doch ein Ende finden kann….“ Murmelte sie leise und versuchte sich an etwas Erfreulicherem zu vergessen.

„Magst du mir erzählen, was dich in diese einsame Welt verschlug?“ Ein seltsamer Ausdruck veränderte ihr Gesicht.

Er wusste nicht warum es ihm vor Abscheu wie Eiswasser durch die Adern schoss und ihn erschaudern ließ. Er glaubte zu sehen, wie ein begieriges, gar animalisches Funkeln gleich einer Geistergestalt durch Frau Treulichs schwarze Pupillen huschte und wenngleich es nicht Grund einer solchen Gemütsregung hätte sein müssen, so war sie es doch. Einen Einstieg in seine Schilderung zu finden, fiel Samuel nicht leicht, doch je mehr er wagte sich dieser Fremden Person anzuvertrauen, umso flüssiger begann er zu erzählen und spürte wie wohl es ihm tat, sich von dem Joch der Angst zu erleichtern.

Nachdem der Junge etliche Wochen resümiert hatte, fragte er die Dame;

„Sind sie tot?“

„Wie…?“ Frau Treulich vermochte sich nicht zu erinnern, wie lange das letzte Gespräch zurücklag, noch bemerkte sie, dass dieses soeben einen Wendepunkt erlebte, aus dem Monolog erneut ein Dialog wurde. Aus dem tiefen Schlummer der vernommenen, beinahe vergessenen Erinnerungen erwacht, antwortete sie ruhig;

„Nein, soweit ist es bislang leider nicht gekommen….Ja, fürwahr, ich teile mit deiner Schwester ein vergleichbares Schicksal und tot bin ich ebenso wenig wie sie. Deswegen fragtest du mich, hab ich nicht recht?“

Es lag eine selige, ja beinahe andächtige Stille in der Luft und der Junge wollte es kaum wagen, sie zu durchbrechen, weshalb er nur mit einem Nicken bejahte. Er fühlte sich wohler wie nie zuvor er sich je gefühlt hatte und würde er sich mit nur einem Wort an dieser Stille vergreifen, so fürchtete er, verflöge auch sogleich diese bittersüße Empfindung.

„Verzweifelt sehne ich dem Tag entgegen, an dem mein Dasein endlich seine Bestimmung findet….ich möchte endlich schlafen…aber diese Gunst der Erlösung wird mir verwehrt…schon so lange verweile ich hier und warte. Von ganzem Herzen wünsche ich mir, dass deine Schwester nicht diese Qualen, fern von Schmerz und doch unerträglicher als alles Erdenkliche, erleiden muss.“

Diese Worte mögen wohl dieses selige Gefühl, welches der Junge in diesem Augenblick empfand, verdeutlichen. Melancholie mag ein verlockendes, schönes und doch unerträgliches Gefühl zu sein.

„Ich denke, es ist noch Zeit genug, dir meine Geschichte zu erzählen, wenn du mir Gehör verleist. Bitte hör sie an, sie lastet so schwer auf meiner Seele“

Samuel widersprach nicht, rührte sich nicht. Er war ihr plötzlich ganz und gar verfallen.

„Seit Geburt an ist mir eine Gabe gegeben, die mir gestattet, Dinge die geschehen werden, zu sehen und zu erahnen. Und selten gelang es mir, den Lauf der Zeit zu umgehen, mit Konsequenzen teilweise ungeahnter Tragweite, jedoch nie zu meinen, sondern zu den Ungunsten Anderer.

Doch eines Tages traf mich meine eigene Waghalsigkeit, bedenkenlos das Unveränderliche zu meinen Vorteil zu Recht zu rücken, im Genick. Zwar gelang es mir der Sichel des Todes zu entgehen, mein Ableben zu verhindern, allerdings zu einem Preis, ein noch grausameres Schicksal zu erleiden, dass niemals enden wird. Zwischen Leben und Tod. Ein Zustand, welcher sich nicht in Worte fassen lässt, weil es Ihn nicht geben dürfte. Ich bin verdammt, zu sein und nicht zu sein, bis mir endlich vor dem Zeitgremium dieser Welt eine gerechte Strafe an meinem Vergehen, die höchste Macht zu überlisten, zuteil wird. Oh, ich sehne nach dieser Strafe, da dieses Dahinsiechen auf dieser Welt die schlimmste, vorstellbare Marter ist.

Aber nun warte ich schon so lange…..es ist eine Geschichte ohne Ende…..“

„Das Zeitgremium?“ flüsterte Samuel ehrfurchtsvoll.

„Ihm wohnt die Macht inne, die Seelen voneinander zu Scheiden, den Verlauf ihres künftigen Seins zu bestimmen, geführt von Wesen durchaus menschlicher Art, welche zu diesem Amt berufen wurden.  Richten und walten tut das Zeitgremium, die Tempojustiz, welches aus sieben erhobenen Richtern besteht, im Zeitturm von Nonnest, hoch droben im Gerichtssaal. Mir ist es seit geraumer Zeit verwehrt worden, ihn zu erreichen….auf ungewisse Dauer“

„Sie waren da?“

„Vor langer Zeit…Mein Prozess wurde unterbrochen, – den Grund nannte man mir nicht -, und nun bange ich auf seine Fortsetzung…“ Sie nippte, Samuel beobachtend an ihrer Tasse.

„Sie gingen beizeiten an meinem bescheidenen Heim vorbei, der Mann mit den roten Haaren, – auch Gevater Zeit genannt -, und deine Schwester. Zum Zeitturm wenn ich nicht irre. Nur um dies zu erfahren, besuchtest du mich.“ Der Junge nickte eilig und erschrak ob seiner eigenen Vergesslichkeit.

„Dieser Ort birgt die Gefahr, dass zu langes Verweilen an derselben Stelle dich vergessen lässt, weswegen ich dir anrate, nun auf der Stelle zu gehen.“ Sie erhob sich, umarmte Samuel sanft und betrachtete sich den Jungen wie eine Stolze Mutter mit wässrigen Augen und erröteter Nasenspitze.

„Deine Entscheidung wird die richtige sein“, flüsterte sie ihm ins Ohr, küsste ihn auf die Wange und lächelte traurig und froh zugleich. Er verstand nicht, was sie meinte, aber er wagte nicht, sie danach zu fragen.

„Ich werde ihr Anliegen beim Zeitgremium um einen baldigen Prozess vorlegen, aber mehr vermag ich nicht zu bewirken.“ Die Worte kamen bruchstückhaft und zögerlich, dennoch vermochte er der einsamen Frau Trost zuzusprechen, diese begann vor Rührung zu weinen, winkte ihm noch zu als er den Weg beschritt und alsbald hinter einem grünen Hügel verschwand.

Einen Abschiedsgruss brachte er nicht Zustande.

Das arme, verlassene Geschöpf ließ sich entkräftet auf die Knie nieder und weinte, dass es nie mehr enden wollte, vor Freude und Verzweiflung.

Dort wo ihre Tränen den Grund benetzten, gedieh in der Zeit darauf eine Blaue Rose, schöner als jede Blume die man sich erdenken mag und selbe ist es, die in dieser Historie noch auftreten wird, wenn ihr euch noch etwas gedulden wollt.

Indessen befahl Samuel dem Weg ihn zum Zeitturm zu führen. Natürlich geschah nichts Unerklärliches oder gar Unheimliches. Der Weg blieb ein Weg, dieser Wahrheit zum Trotzt vertraute der Junge seiner Führung.

Beinahe eine halbe Stunde rannte er, – ohne Halt und Rast einzulegen – , ehe er sich gewiss war dem Anwesen Frau Treulichs so fern wie nur möglich zu sein, da er fürchtete, etwas triebe ihn an, doch umzukehren. Endlich legte er sich erschöpft zu Boden, auf die kalten Granitplatten, welche dem Hämmern im Kopfe Linderung verschafften und kam zur Ruhe.

Seine Brust hob und senkte sich vor Anstrengung auf und ab und wie er so da lag, wurde er zum ersten Male der violetten Farbe des beinahe wolkenlosen Himmels gewahr.

Golden erhellte, klein Wölkchen am fremden Himmelsgewölbe sah man nur sehr selten und er kam zum Schluss, dass in dieser fremden Welt wohl immer Morgen – oder Abenddämmerung  herrschte.

Nacht wurde es nie.

Die kühle Schwärze schien so unbekannt in Nonnest, wie das Wort.

Fest entschlossen und gestärkt, rappelte er sich empor und nahm die Fährte, – wagemutig durchs Immergrün schreitend – , erneut auf.

Er zählte nicht mehr die Minuten, Stunden oder gar Wochen, die er vielleicht schon über etliche Hügel hinweg, vertreten hatte.

Keiner vermag genau zu deuten, was den Jungen zu solcher Zuversicht bewegte, es ist aber zu vermuten, dass die erneute Begegnung mit Phinagho dazu beisteuerte.

Noch während dem sich Samuel überlegte, wie er wohl Klaras junges Leben erretten könnte und sich bei aller Heiligkeit schwor, dass er für ihres sogar sein eigenes kosten lassen würde, erscholl nahe von ihm ein zarter, deutlich vernehmbarer Singsang;

„Leis’ streift er durchs Tal,

Kehrt unerwartet wieder.

Kaum dass’ dich versiehst,

Mit einem Mal,

schaust’ du zu ihm hernieder.“

Und wie es gesprochen war, so geschah es. Weich und samtig strich das warme Etwas, welches sich als den ruhelosen Kater entpuppte, Samuels Bein und schnurrte zufrieden.

„Ach!“ donnerte der Junge ärgerlich und schob das Tier mit dem Fuss grob von sich.

„Wir sind also nicht in Eile, nein? Hat der Herr Baron sich überwinden können, doch noch in Erscheinung zu treten, in Reimen zu erscheinen? Was für eine meisterhafte Darbietung!“

„Mir scheint, du bist nicht gut auf mich zu sprechen“, versetzte der Kater amüsiert und legte sich vor Samuels Füssen zu Boden, sodass er ihm den Weg versperrte. Dieser tat einen großen Schritt über ihn und lief in staksigem Gang weiter.

„Woher dies wohl rühren mag!“, spöttelte der Junge kühl.

„Ei, ei, ei. Sarkasmus in so jungen Jahren ist Gift fürs Gemüt. Ich schließe des Weiteren, dass du mich vermisst hast.“

„Pff!“, gab er verächtlich von sich.

„Nichts desto trotz bedanke ich mich für die Erhebung in den Adelsstand, junger Mann. Wohin also des Weges?“

Misslaunig und mit derart krauser Stirn, dass er davon arge Kopfschmerzen bekam, brummelte der Junge;

„Zum Zeitturm.“

„Meine zarten Ohren vermögen deine Worte nicht zu entschlüsseln…“ Diese Behauptung kam einer glatten Lüge gleich, denn Phinaghos Gehör befand sich in einem tadellosen Zustand.

„Zum Zeitturm, vermaledeit noch eins!“

„Ah ja. Und wie gedenkst du vorzugehen? Mit Schwert und Rüstung wie ein Ritter, oder mit der List eines Fuches? “ Das beachtliche Tempo, welches Samuel nun vorantrieb, brachte gar den konditionierten Kater außer Atem.

„Was faselst du für einen  Unsinn?“

„Wie lautet dein Vorhaben, zur Errettung deiner geliebten Schwester?“

„Auf zum Turm und dem Lauernden entgegen treten“, antwortete er lapidar.

„Wagemutig und nicht sonderlich einfallsreich, aber immerhin ist es ein Vorhaben.“

„Ach nein. Was für ein Vorgehen würdest denn du, werter Stratege, begrüßen?“

Aufgrund von Samuel zornfunkelnden Blickes, verkniff sich Phinagho eine weitere Bemerkung und schwieg.

„Wohl erwogen“, versetzte der Junge mit Genugtuung.

In der wiederkehrenden Stille, erdrückte Samuel sodann ein  – seit Klaras verschwinden – , unangenehmes Gefühl. Es lässt sich mit einer leichten Übelkeit, einem Schwindelgefühl, einem rasenden Herzen und dem Wechselgang von Wärme und Kälte im Körper wohl am besten beschreiben.

Er sorgte sich um sie und mit jedem Schritt, den Samuel tat, verschlimmerten sich sein Unbehagen und die Ungeduld.

Kam den dieser Turm nie in Sicht?

–          Durch das Seelenglas… –

 

Gefühlte Tage schienen zu vergehen, wie sie die grünen Auen durchstreiften und noch immer blieb der Turm in ungeahnter Weite Samuels bangendem Blicke verborgen.

Doch dann begann sein Herz vor Aufregung zu rasen, als er – beinahe schon alle Hoffnung verloren – , etwas in der Ferne undifferenzierbar bräunliches erspähte.

War es etwa doch der Turm?

So rasch, wie die Freude aufflackerte, so rasch erlosch sie gänzlich zu einer resignierenden, verbitterten Enttäuschung.

Das als Turm geglaubte Objekt, entpuppte sich je mehr die Gefährten sich ihm näherten, als eine escherne Standuhr, die Abseits des Weges schief und deplaziert die Zeit preisgab.

Was für eine Verschwendung, grämte der leidenschaftliche Uhrsammler und stellte seinen Kiefer schief, wie er es immer tat, wenn er wütend und zugleich enttäuscht war.

Mit beinahe tödlicher Verachtung musterte er das zweifelsohne handwerklich geschickt gefertigte Mobiliar und konnte sich nicht über seine Einzigartigkeit begeistern.

Gemeiner Betrüger!

„Welchen Zweck erfüllt eine Standuhr in einer Welt, in der sich keine Seele um die Zeit kümmert?“, fragte er sich mehr selbst, als seinen pelzigen Begleiter und nahm selbes, zwei Meter großes Objekt umkreisend und streng in Augenschein.

„Nicht jedes Ding ist geschaffen, um einem Zwecke dienlich zu sein“, bemerkte Phinagho salbungsvoll, als sei dies eine äußerst einzuprägende Tatsache.

„Ach!“, grollte Samuel.

Lange wurde nichts gesprochen.

Samuel starrte wie gebannt auf den schwingenden Perpendikel,  bis sodann Phinagho erzählte;

„Aber Seele ist ein gutes Stichwort. Man berichtet, dass die ins Jenseits hinüber gleitenden Seelen durch die Spiegelung dieses Standuhrglases, – man nennt es auch das Seelenglas -, manchmal zu erspähen sind, wenn man aus einem bestimmten Winkel hinein blickt, sodass die dämmrigen Sonnenstrahlen einen rötlichen Schimmer darüber werfen.“ Der Kater lachte unbesonnen.

„Ich dummer Narr, geblendet von der verführerischen Macht eines doch offensichtlichen Märchens, sah einst hinein, doch war mir keine Gestalt oder eine abnorme Rührung offenbart worden, wie ich es denn eigentlich erwartet hatte.

Damals war ich noch grün hinter den Ohren und nicht wie heute eines solch immensen Wissens eigen, um einzusehen, dass es wahrscheinlich eine alberne, unbedeutende Erzählung ist.

Aber gleichwohl.

Man kann doch der Aussage eines berühmten Philosophen Gewichtung beimessen, der einstweilen in seinen Memoiren folgendes Zitat verfasste;

„Man vernimmt nur, was gehört sein wolle und sieht einzig, das Erwartete.“

Sag, weißt du welcher Feder diese weisen Worte entstammen?“

Samuel schüttelte, – halbwegs an Phinagos Schilderungen interessiert -, seinen Lockenschopf.

Der Kater grinste abfällig und kicherte gekünstelt, gar schon herablassend, dass es dem Jungen die Schamesröte ins Gesicht trieb.

„Ach ich hätte nicht fragen sollen.

Wie dem auch sei…Der Sinn meiner Rezitation besteht in der Aufführung eines Fehlers, den ich beging.

Wenngleich ich meinem inneren Verlangen nachgegeben hatte, der Munkelei und ihrer überlieferten Überzeugung auf den Grund zu gehen, war es einem Teil meines Selbst zuwider, etwas viel versprechendes wie eine Gestalt wahrzunehmen.

Furcht mag der Übeltäter gewesen sein, ich entsinne mich nicht mehr deutlich…

Ergo wollte, oder konnte ich nicht sehen, was ich suchte.

Bist du, Samuel, aber willens zu sehen, so wirst du dies auch.

So wahr mir die Gabe der Intelligenz gegeben, bin ich felsenfest davon überzeugt.“

„Das heißt also; du möchtest dass ich da hinein spähe?“

„Ja. Alles was dir in dieser Welt begegnet oder widerfährt, tut dies aus eigenem Antrieb und gutem Grund. Diese Standuhr kann nur von dir betrachtet werden, weil sie es so wünschte.

Nur deswegen ist es dir möglich, sie nun zu betrachten.

Ich erteile nur selten Rat, weil ich um seine Gefahr, die eigene Meinung zu verfälschen weiß. Aber nun rate ich dir, einen Versuch zu wagen. “

„Warum liegt dir so viel daran?“

„Misstrauen…eine hier überflüssige, menschliche Emotion. Wenn du hineingeblickt hast, wirst du die Antwort auf deine Frage erhalten…“

Der weiße Kater erhob sich grazil, streifte an der Standuhr vorbei und verschwand mitsamt seinem schlanken Schweif hinter dem Objekt.

Als Samuel sich auf die Rückseite begab, wo sich der Kater verbergen sollte, fand sich kein weißes Tier, selbst nicht als er um die Standuhr herum hastete und in allen Richtungen nach einem weißen Fleck forschte.

Sein gebildeter Gefährte liess ihn nun schon zum zweiten Male im Stich!

„Verstehe, verstehe! Du pflegst also auf mysteriöse Weise zu kommen und zu gehen, wie es dir beliebt, du schwafelndes Katzenviech! Gut!

Bedenke lediglich die Konsequenz, dass ich kein einziges Wort mehr an dich richten werde, sollten wir uns in dieser oder jedweder anderen Welt begegnen!“

Der Junge wusste, dass Phinagho ihn vernahm und er lag in seiner intuitiven Auffassung vollkommen richtig.

Noch immer begleitete er den Jungen, aber der geadelte Kater genoss das  verborgene Agieren und das Beobachten eines diffizilen Schauspiels, in dem er sich frech und ungehobelt einmischte…seine Krallen hinterlistig in das Fundament  von Samuels Geschick eingrub und es gehörig aufwühlte.

Denn Phinagho Gundin, wie ihr es womöglich schon bemerktet, war bei Weitem kein gewöhnlicher Kater.

Samuel öffnete nach einem länger anhaltenden Disput mit sich selbst, die Glastür des Uhrgehäuses.

Was denkt sich diese haarige Tier denn eigentlich?! Stumpfsinnig durch diese Uhr zu blicken; wem soll das dienen?…andererseits ist es nur ein kurzes Spähen…und wenn ich dann nichts sehe, mache ich mich stracks wieder auf den Weg…

Doch wider aller Erwartungen gaben sich milchige, schemenhafte Gestalten, die gemächlich durch die Welt glitten, dem Jungen zu erkennen. Sie schwebten dahin, wie in einem Meer, wo die Strömung sie langsam voran treibt, in alle Himmelsrichtungen, über Hügel und Büsche, wie mattgraue Seidentücher.

Sie sind alle gestorben…wie Grossvater einst…alle tot…

Und nun, sowie er einen Blick abseits des Glases wagte, in die Ferne, da erfasste er mit seinen müden Augen eine durchsichtige Gestalt, nicht weit von ihm auf einem Hügel, niedergelassen und scheinbar auf etwas wartend.

Samuel kannte die Überlieferung alter Geschichten, in denen berichtet wurde, dass Menschen die Geister erblickten, bald schon dem Tode selbst begegneten.

Ängstlich näherte sich der Junge allgemach dem verblichenen Wesen, welches auf der Anhöhe in die Weite hinaus spähte.

Sein Herz beschleunigte sich Schlag auf Schlag.

Und als er sich ihr zu erkennen gab, machte er die Gestalt als seine Grossmutter Agnes aus, was ihn nicht minder erschreckte, zugleich aber freute er sich auch sie zu sehen.

„Oh Junge,“ seufzte sie bedeutungsschwer. „Du hast einen Weg ohne Rückkehr eingeschlagen. Es tut mir leid, dass ich dich auf diesen geleitet habe.“

Samuel brannte nur eine Frage auf der Zunge.

„Wie lange schon bist du…“

„Kurz nach deiner Abreise, fürchte ich. Es war eine angenehmere Gelegenheit zu sterben, zumal Niemand bei mir war.

Du trägst den Tod mit dir, mein lieber Junge….Das stimmt mich traurig…Ich werde warten, jenseits des Lichtbogens, der sich vor mir auftut. Fürchte dich nicht vor dem Jenseitigen, denn das Jenseitige straft nur die reumütigen Seelen und die Zweifler mit ewiger Unvollkommenheit. Sie wandeln durch die Welten ohne jegliche Orientierung. Sei schlau, mein Bub, sei weise…führe deinen letzten Meisterstreich zum Ende.“

„Was meinst du damit? Grossmutter, warte doch!“ Agnes Brandt entschwand, wie sie gekommen war und lies Samuel ratlos und ängstlich zurück. Ihre nebulöse Gestalt schwebte gen Firmament, bis sie irgendwann nicht mehr zu erkennen war. Nun begleitete ihn auf dem Weg, den er nach einigen stillen Sekunden wieder aufgenommen hatte, erneut das vertraute Unbehagen, den Tod im Nacken sitzen zu wissen. Lange Zeit hatte er die Angst vor dem Tode verschwunden geglaubt. Jetzt reckte sich in seiner Fantasie die Gestalt von Mutter Tod erneut zu kalter Grösse auf und deutete unheilvoll mit weissen, langen Fingern auf die Uhr, die ihm gegeben worden war.

Erst als er weiches Gras nach langem Marschieren unter seinen wehklagenden Füssen verspürte, richtete er sein gesenktes Haupt auf und gewahr sich entrüstet seiner Umgebung. Jener vermaledeite Stümper eines Weges, dieser unzuverlässige Pfad, hatte ihn in die Irre geleitet.

„Wo zum Teufel….wo bin ich hier? Wo ist dieser sagenumwobene Turm, zu welchem du mich führen solltest? Wo?“, schrie er ihn an, wenngleich er sich darob einfältig vorkam. Wohlgemerkt: er schrie einen Weg an. Wie geradezu leichtsinnig er gewesen war, einem Weg zu vertrauen.

Verfluchter Irrweg.

Er hätte ahnen müssen, dass dieser nicht annähernd verstehen konnte, wonach er verlangte. Wie er sich aber in seiner Selbstdenunzierung täuschte! Denn kaum dass er mit seinen Schimpftiraden begonnen hatte, auf die Granitplatten ein zu schelten, da verpuffte beleidigt nach und nach eine auf die Nächste und der Junge sah sich hilflos der Tatsache ergeben, dass er soeben einen unwiderruflichen Fehler begangen hatte.

„Halt! Nein, bitte nicht! Ich schwafele wirren Zeugs daher! Verzeih mir doch!“

Samuel bat zu spät um Vergebung.

Sein stets treuer Führer verschwand wie er gekommen war und kehrte nicht wieder zurück. Auch ein anstrengender Sprint war hier aussichtslos, wie der Junge verzweifelt einsah.

Ein  leichter, kühler Wind kam auf und stieb Samuel unbarmherzig eine Hand voll Sand ins Gesicht. Wohl die Ohrfeige für sein freches Benehmen?

Nein.

Jener Wind kündigte etwas gänzlich Anderes, unverhoffteres, als eine Strafe an, zu welchem Samuel sich in verhängnisvoller Ahnung und tränenden Augen umwandte.

Es übertraf Jedes leibhaftig erlebte Geschehen in Samuels Geschichte.

Dergestalt irrsinnig, bedrohlich und auch unnatürlich, dass es ihm für kurze Zeit den Atem vor Schrecken und Begeisterung raubte.

Unheilvolle, düstre Wolken zogen über den Himmel dieser ungeborenen Welt, hüllten sie in tiefe Dunkelheit, sammelten sich unmittelbar über Samuels Haupt und beschworen ein tobendes Unwetter herauf.

Nun dicht und Pechschwarz, jagten sie sich, immer schneller im Kreise, sodass sie sich zu einem rasenden, wirbelnden Strudel, im Kern grell golden-violett flackernd vereinten, dieser knisternd und funkend die Luft erwärmte und mit immer mehr zerstörender Kraft nährte.

Entsetzt ob dieser Gewalt, wandte sich Samuel ängstlich rückwärts und strauchelte zu Boden.

Er klatschte wie ein geworfener Frosch auf dem Bauch ins Grün und versuchte mit aller Kraft, seine Finger im erdenreich zu verkeilen, um nicht der Grasmatte entrissen zu werden.

Mittlerweile pfiff der zum Sturm gewordene Wind so heftig, dass Samuel bangend erwartete, jeden Augenblick davon zu fliegen und im Alleingang seine, ihm immerzu ins Gesicht peitschenden Haare.

Seiner durchs lange wandern gelockerten Schuhe, bemächtigte sich der alles verschlingende Strudel als erstes, worauf er Samuel mitsamt einem beachtlichen Stück Wiesenfläche ins brummende und krachende Innere des Unwetters sog, welches sich wie der Rüssel eines gesichtslosen Monstrums herabgesenkt hatte und ihn in der flackernden Schwärze verschluckte.

Es donnerte, blitzte, knallte und spie Funken um seinen umhersausenden Körper, dass er fürchtete zerrissen zu werden im Farbenstrom dieses wilden Unwetters.

Inmitten der purpur und golden funkenden Finsternis, die dichter noch als der schwärzeste Rauch zu sein schien, begann sich ein Kilometer breites Loch auszuweiten.

Samuel blickte durch das Auge des Wirbelsturmes, kurz auf eine dunkelgrüne, von purpurnen und goldenen Lichtern durchzuckte, weit entfernte Landschaft.

Der monströse Rüssel erhob sich nun gen Himmel und der umherwirbelnde Junge stieg mit ihm noch höher in die Lüfte.

Trotz alledem Lärm; dem Tosen der zornigen Gewitterwolke, verstummte Jedwedes Geräusch und für einen kurzen Augenblick schwebte Samuel in pechschwarzem Nichts, als ein alles durchdringendes, bebendes Brummen, ein unvergleichlich tiefes, widernatürliches Donnergrollen die Welt in Schwingung versetzte und darauf ein schwarzsilberner Blitz hernieder fuhr.

Sowie er aufschlug, legte sich das Gras unter der mächtigen, herbeigeführten Druckwelle nieder.

Der Sturm begann sich nun nicht etwa gen Himmel, sondern gen Erdboden in form eines immer lichter werdenden Wolkenringes zu verkürzen,  schwächte ab und beruhigte sich, bis sich der letzte Fetzen der schwarzen Wolke verflüchtigte und Nonnest von neuem in unberührtes, dämmriges Licht getaucht wurde.

Samuel indessen, war zwar wohlbehalten auf der vom Sturm zerzausten Grasmatte ( als hätte ihn etwas sanft aufgefangen ) gelandet, zitterte aber noch immer wie Espenlaub in den Knien.

Augenblicklich gewahr er einen, vom Blitz entfachten, zunächst still schwebenden, zittrig aufflackernden Funken in der Höhe, sich sodann in weitere Funken zerteilend.

Diese wiederum taten es ihm in zunehmender Geschwindigkeit gleich, wieder und wieder und setzten sich ruckartig in Bewegung, worauf es sich ein wildes Lichternetz zu bilden begann.

Es machte den Anschein, als kröchen sie an unsichtbaren Zündschnüren empor und nieder und hinterließen hierbei vielfarbige Striche, schufen Zwischenräume welche sich wiederum mit bräunlich bis grau gearteter Materie füllten.

Das sich selbst fortbildende und in unermessliche Höhe wachsende Konstrukt, strahlte in goldenem Licht und gewann immer mehr an Substanz.

Hier bedurfte es um keinen Hinweis.

Ihm war bewusst, dass sich hier nun der gesuchte Turm offenbarte.

Es genügten nur wenige Vergleiche zwischen der präzisen Feinarbeit auf dem Uhrdeckel und den Konturen des Bauwerks, um diese Annahme zu bestätigen.

Gravitätisch, als auch wunderschön, geformt wie eine große, schwarzsilberne, – denn aus dunklem Silber bestand er -,  Kordelschnur durchstach er den Himmel.

Ein imposantes Meisterwerk der architektonischen Kunst.

Nur ein einziges Fenster von ungewöhnlicher Grösse, in dem bläuliches Kristallglas eingefasst war, erkannte Samuel in der Entfernung, weit droben, nahe der kupfernen Turmkuppel. Geformt wie ein von Blüten umranktes Herz.

Unmittelbar in seiner Hälfte teilte sich der Turm nun, sodass, wie auf der Abbildung des Uhrdeckels beschrieben, obiger letztlich nur von Luft getragen wurde.

Ein zugleich bizarres und doch ästhetisches Bild bot er, von welchem Standort man ihn auch immer betrachtete.

Fremd und doch altvertraut mutete sein einzigartiges Erscheinen an, wie er auf seinem Platz thronte und einen glauben ließ, schon seit Ewigkeiten diesen Fleck zu besetzen.

Samuel empfand eigenartige Gefühle, wie er sie noch nie wahrgenommen.

Beim eigenwilligen Weg, bei der Standuhr, wie auch beim Turm, vermeinte Samuel wiederholt, das Wesen selber Dinge vernommen zu haben.

Und wenn er mit ihnen sprach, so antworteten sie lautlos.

Hier schien es ebenso, zudem, dass es sich so unerklärlich vertraut, wohlig, schmerzlindernd, ja gar liebevoll und eigen anfühlte.

Eigen, wie ein Teil seines Selbst und wie ein Zuhause, in das man nach langer Zeit voller Freude einkehrt.

Ihn erfüllte mirakulöse, – ja schmerzlich schöne Melancholie, als er sich den Turm betrachtete.

Kaum dass er sich darüber gewundert hatte, keinen Eingang zu entdecken, machte sich ein bläulicher Funken am Turmsockel zu schaffen, sodass er den Umriss eines drei Meter hohen und etwa zwei Meter breiten Portals umfuhr und selbes in fließendem Licht Festigkeit erlangte.

Wie es sodann volle Farbe und Gestalt angenommen hatte, öffnete es sich.

Dahinter lag ein von bläulich züngelnden Fackeln beleuchteter Korridor.

In einer kupfernen Fassung und ebensolchen Rahmen, hing ein fesselnd anzublickendes Silbertor und bot Einlass.

Einlass in die Gemäuer der Zeit, unberührt vom Alter und Zerfall, allezeit schön und makellos, wie sie Kreaturen geschaffen hatten, die einst wohl den blühendsten Fantasien entsprungen waren.

Als sich der verzauberte Junge dem mächtigen Eingang näherte, fielen ihm die detailreichen Ziselierungen auf der Torinnenseite auf;

Sie waren reich an Ornamenten und Intarsien.

Rosetten und alles umrankende Gewächse, verzierten Abbildungen von geflügelten Geschöpfen, deren Erscheinung ätherisch anmutete, oder vermaledeit und grotesk, zumal diese sich in widernatürlichen Gebärden verkrümmend, dargestellt wurden.

 

Bisweilen ist mir unsere Welt entgangen, von der zu berichten ich nicht absehen darf, wenngleich mir nichts lieber währe, ob den traurigen Ereignissen, die zwischenzeitlich ihren Lauf genommen hatten.

 

Dieweil sich Samuel am Unsternstage von Klara’s vermeindlichen Ableben aufmachte, das herzallerliebste Schwesterchen zu erretten, war Agnes Brandt ihrem Gatten in die Erlösung gefolgt.

Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl den Schluss gezogen, dass Agnes Samuels Vorhaben zu unterstützen gedachte, einzig und allein weil dies ihrem tiefen Wunsch gelegen kam, alleine das zeitliche zu Segnen, ohne den angeschlagenen Samuel in noch tiefere Betrübnis zu stürzen.

Insofern und nicht alleine nur deswegen, war Agnes doch eine rücksichtsvolle, warmherzige Frau gewesen.

Nun war auch sie tot.

In den frühen Morgenstunden des darauf folgenden Tages, hatte Samuels Vater den Entschluss gefasst, seinen betrübten Sohnemann mit dem Käfer, abzuholen und in gelassener Zweisamkeit, die inzwischen rehabilitierte, sich im Krankenhaus befindende, immer noch bettlägerige  Mutter zu erheitern.

Doch der Verlauf unserer Geschichte  sollte dem armen Manne gleich zwei Hieben ins Herz, einfahren.

Er fand das sorgfältig gepflegte Landhäuschen in einer  beunruhigenden Stille vor.

Der Tag war warm, wenige Wolken zogen über die grüne Landschaft und hinter den  säuberlich gestutzten Heckenrosen des Vorgartens gediehen die ersten  Krokusse.

Er gewahr die Eingangstür einen Spalt breit geöffnet.

Ihn beschlich ein unangenehmes Gefühl. Vorsehend  stieß er sie auf, horchte, lief durch das Haus, doch vernahm er nur das Aufatmen desselben.

Ein Knarren, sowie er die Stufen zum Obergeschoss erklomm.

Vollkommene Stille.

Kein Kindergeschrei aus der Nachbarschaft durchbrach sie, kein Vogelgezwitscher,  kein Hundegebelle.

Nichts

Seine Mutter schien eines seligen Schlafes zu schlummern.

Wie lange er vor der geschlossenen Schlafzimmertür verharrte, vermag ich nicht zu sagen.

Er spürte wohl, dass das Leben dieses Anwesen verlassen hatte.

Er wusste, als er am Fußende  von Agnes Bette stand, das  es aus einem Schlaf wie jenem, den seine Mutter schlief, kein erwachen mehr gab.

Ohne ihren Puls zu erfühlen.

Die faltigen Hände über  einem dünnen Buch zusammengefaltet, in welchen sie bis vor kurzem noch gelesen zu haben schien, lag Agnes Brandt in ihrem Bett.

Seelenfrieden zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.

Ein sanftes Lächeln.

Die Decke über dem erkalteten Körper straff gezogen und geglättet.

Nicht der Anblick seiner toten Mutter bereitete ihm Kummer, nein.

Er fürchtete, dass Samuel diesen Verlust nicht verkraften konnte und nun ausgerissen war.

Er hatte sich in jedem Raum umgesehen, aber nirgends fand sich sein Sohn.

„Wenn es dir doch nur noch einmal erlaubt währe ein Wort an mich zu richten, um mir zu verraten, wo Samuel sich nun aufhält…“

Er löste die kühlen Hände seiner Mutter aus  ihrer Verschränkung und zog das Buch hervor.

Der Sinn des Lebens….“ Ein mattes Lächeln umstrich seine Züge.

Robert Peter Brandt fühlte, dass das in Scherben liegende Leben ihn nicht berührte Wie befremdend es ihn anmutete, entgegen aller Natürlichkeit ruhig zu bleiben.

Die Scham, seiner Mutter tot nicht genügend Andächtigkeit zu zollen, jagte ihn schließlich aus dem Haus, aus dem Dorf, an den Waldrand einer ihm unbekannten Ortschaft, wo er mit seinem Käfer halt machte, um dort zu verweilen.

Er sass an Steuer, Stunde um stunde, bis in die tiefste Nacht hinein.

Herr Brandt verteilte in den Tagen darauf auf den Strassen Flugblätter, fragte Jedwede Passanten, ob diese den Jungen kannten oder gesehen hätten, liess Vermisstenanzeigen in den Zeitungen drucken, klemmte allerorts das Foto seines Sohnes auf und dies Tag um Tag, ohne dabei Ruhe noch Schlaf zu finden.

Seiner Frau verheimlichte er Samuels Verschwinden und den Tod Agnes Brandts.

Zu labil war ihr Zustand, dass sie es  verkraften würde, noch eines ihrer Kinder verloren zu haben.

Der Junge befände sich nicht wohl, log ihr Gatte.

Er müsse eine hartnäckige Grippe Zuhause auskurieren.

Doch tragischerweise bahnte sich die Wahrheit auch in dieser Historie ihren verhängnisvollen Weg und fand alsbald von Frau Brandt gehör.

So war es die tollpatschige, inzwischen in die Vorfälle involvierte Schwägerin Hanne Brandt, der unbemerkt die alles offenbarenden Worte herausgerutscht waren.

Es ist traurig, was ein kleiner Fehler für erheblichen Schaden anrichten kann.

Als sich das Gespräch um den Gesundheitszustand der armen Mutter wendete, flehte Hanne von Sorgen und Angst ergriffen, sie dürfe nicht aufgeben, wie Agnes es getan hätte. Samuel werde diesen traurigen Verlust sicherlich überwinden können.

Umsonst rang der Gatte mit besänftigenden Worten und linderndem Zuspruch, welcher die im Sterben liegenden Geliebte hätten genesen lassen müssen.

Umsonst machte er sich die Mühe, ihr zu versichern, dass Samuel wiederkehre und ebenso umsonst konnte er sich vorgaukeln, dass alles ein gutes Ende nehmen würde.

Das unsägliche Übel suchte Frau Brandt noch am selben Abend der schmerzlichen Botschaft heim.

Die Lichtstrahlen der Abendsonne  durchfluteten das Krankenhaus mit goldenroter Sorglosigkeit und kündigten den Tod eines alten Tages und die kommende Geburt eines neuen an.

Samuels Mutter letzte Worte richteten sich an den zutiefst bewegten Mann, welcher ihre kalte Hand fest umschloss, als sie sich zu regen begann.

„Ich wünschte….“ Eine Träne benetzte ihre Wange.

Dann schied sie für immer vom Leben.

Allmählich regte sich unter den Angehörigen unstete Verunsicherung.

Das Zeugnis aus den zurückliegenden Vorkommnissen.

Stimmen wurden laut, welche derb ein herangewachsenes, schwarzmalerisches Fahrwasser schürten.

Der Tod währe auf den Geschmack von Brandts gekommen, so hiess es, und griffe mit verheerender Kaltherzigkeit um sich, risse einen nach dem anderen ins  Dunkel.

Pessimismus liess Herrn Brandt jedoch kalt.

Nichts vermochte seinen Kummer zu steigern, nichts ihn zu vermindern.

In sich gekehrt, wohl ganz seinem Sohne gleich, gewahrte man ihn nun.

Das zu Boden gerichtete Antlitz, das zagende Schlagen seiner übermüdeten Lieder, ein schmales, rasch gealtertes, ausgezehrtes Gesicht wiesen auf seine Leiden hin.

In allein verbrachten Stunden, weinte der Verwitwete viele bittere Tränen.

Ich will euch ab dieser Stelle der Geschichte mitteilen, dass ich mich detailierteren Schilderungen enthalten  muss, weil sie sich schlichtweg aus meinen Gedanken verflüchtigt haben.

Daher stütze ich mich auf denen meines Bruders.

Weil es mir angenehmer und außerdem nicht so befremdend scheint, euch etwas zu erzählen, was ich einst vergaß, werde ich wie gewohnt fortfahren und mich nicht als Protagonistin in den Vordergrund stellen. All diese Einzelheiten dünken ohnehin  weitgehend irreführend, würde man sie hier aufführen.

Samuel betrat den kurzen, in bläuliches Licht getauchten Korridor.

Ein Geruch, der vom alter der Gemäuer zeugte, nahm er war und die dünne Luft dehydrierte ihn merklich. Mund und Nase waren innert kürzester Zeit trocken geworden.

Ihm wurde mulmig, als sich das Portal klickend und einen leichten Luftsog erzeugend, von selbst verriegelte.

Nun neigte sich der Korridor jäh steil gen oben und fand in einem großen, warmen Raum sein Ende. Hier war die Luft um einiges erträglicher.

Sich an einer präzisen Deskription der Inneneinrichtung zu vertun, währe eine nie endende Sisyphusarbeit, zumal in dieser Welt nichts blieb, was es war, aber man kann sich mit den folgenden, ungenauen begnügen.

Er befand sich anscheinend in einem Kreisrunden Studierzimmer, welches auf ihn einen angenehmen und behaglichen Eindruck machte.

Jeder beherzte Literat, oder Bibliophile hätte sich hier bei diesem Anblick verlieren können, denn rundum der Wände, standen braunrote Bücherregale aus edelstem Kirschholz gefertigt, welche sich in undeffinierbare Höhen erstreckten und unzählige Bücher trugen.

Aber sie hätten in selben mehr oder weniger die stets sich in chronologische Abfolgen fortsetzenden, unverständlichen, in geschwungener Schreibmaschinenschrift festgehaltenen Auflistungen gefunden.

Zum Beispiel stand da;

Janette de vert,

Transmittiert: Erde

Parerilliert:1776  ( angelehnt an das lateinischen“Parere“ für Gebären, mit der Bedeutung, geboren werden lassen)

Entleibung: 1857

Temporale Aberration: fünftausendeneinhundertdreiundzwanzigstel Sekunden

 

Amtszeit von P.B; 304 j. 105. d. 41 h. 32 s.

 

Sein Herz hätte beinahe ausgesetzt, sowie er bemerkte, dass er auf einem Glassboden stand, unter dem graue Dunstschleier vorbei zogen. Es schien, als ginge er auf Luft.

Er begab sich mit vom Grund erhobenem Haupt hinter einen Bücher gefüllten Raumteiler, um nicht weiter daran zu denken und stieß einen spitzen Schrei aus, als er den rothaarigen Mann erblickte, welcher sich hinter einen halbmondförmigen Pult auf ein frisch in eine goldene Schreibmaschine eingespanntes Blatt konzentrierte, auf welches er von einer weiteren langen Rolle Papier offenbar wichtige Daten abtrug.

Er erschrak nicht minder und sein Monokel fiel auf den harten Glasboden, wo es zerbrach.

„Destruktiv in jener und dieser Welt!“

Samuel verstand nicht, was er damit meinte, aber er konnte nachvollziehen, dass der Buchhalter ungehaltene Äußerungen von sich gab.

„Seit deinem Vergehen forcieren sich die Komplikationen exorbitant! Ich muss Berge bürokratischer Redaktion bewältigen!“

„ Es fociert sich was in exorbitale Kombaklition?“

„Forciert, Junge, forciert! Bedeutet „steigern“ und….ach ich bin doch nicht dein Lehrer!“

„ Warum formulieren sie ihre Sätze eigentlich nicht so, dass sie auch Jeder versteht? Fühlen sich Erwachsene dadurch klüger? Dieser Phinagho hielt es auch für ungemein amüsant, wenn er altkluge Bemerkungen von sich geben konnte.“

Paul Bomsbütle, temporärer Amtstitelträger „Gevater Zeit“, entledigte sich allen Ärgers.